Pfingsten – ein unterschätztes Fest

Pfingsten ist mehr als ein Fest des Heiligen Geistes. Es hat jüdische Wurzeln und eine österliche Dimension. Die Liturgie erzählt konkrete Geschichten von Begegnungen mit Gott.

Nach dem Fest ist vor dem Fest. Ab Ostermontag stehen in den Läden die Schokohasen bereits im Ausverkauf oder werden für das nächste Fest eingeschmolzen; die Regale füllen sich mit Geschenken und Blumen zum Muttertag. Kaum ist ein Fest vorbei, denkt man bereits an das nächste.

In der christlichen Liturgie ist das anders. Christliche Feste sind nachhaltig, sie enden nicht mit einem Kater am nächsten Morgen; sie dauern an, klingen nach, werden verkostet wie gutes Essen. Sie bilden keinen Kontrast zum Alltag, sondern strahlen auf ihn aus. Das gilt besonders für Ostern, das fünfzig Tage dauert – bis Pfingsten.

Pfingsten ist der Abend von Ostern

Die fünfzig Tage der Osterzeit werden gefeiert wie ein einziger Tag. Das zeigen die Festtagsevangelien: In der Osternachtfeier wird der Bericht vorgetragen, wonach die Frauen frühmorgens zum Grab Jesu eilen. Ihnen wird gesagt, dass Jesus auferstanden sei und wo sie ihm selbst begegnen werden (Matthäus 28,1-10; Markus 16,1-7; Lukas 24,1-12); an Pfingsten hören wir die Erzählung aus dem Johannesevangelium, wonach die Jünger:innen Jesu am Abend desselben Tages hinter verschlossenen Türen versammelt sind und ihnen der Auferstandene erscheint und sie anhaucht mit Heiligem Geist (Johannes 20,19-23). Pfingsten ist der Abend von Ostern.

Deckenfresko in Verona aus dem Jahr 1506: Die Erscheinung (oder Ausgiessung) des Heiligen Geistes an Pfingsten. Der Heilige Geist wird als Taube, umgeben von Licht oder Feuer, dargestellt. ©iStock

Pfingsten ist der 50. Tag

«Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war …» Mit diesen Worten beginnt die Pfingsterzählung nach dem Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte (2,1-13). Es gab das Pfingstfest also bereits vor den Ereignissen, von denen Lukas berichtet. Es handelt sich ursprünglich um ein jüdisches Fest.

Das Wort «Pfingsten» stammt vom griechischen «pentecoste (hemera)» = fünfzigster (Tag). Gemeint ist das jüdische Wochenfest (Schawuot, hebräisch = Wochen), das sieben Wochen nach Pessach stattfindet.

Deutet man eine Woche als einen Tag, dann bilden sieben Wochen sieben Tage. An Pfingsten endet somit die «Woche der Wochen». Während die Reihe von 7 x 7 Tagen Fülle und Vollendung signalisiert, beschreibt der 50. Tag das Überfliessende.

Nach christlichem Verständnis gibt es eine Parallele zwischen Pfingsten als dem 50. Tag der Osterzeit und dem Sonntag als dem 8. Tag der Woche: Pfingsten als 8. (Sonn-)Tag von Ostern.

Das jüdische Wochenfest

Das Wochenfest entstand als Erntedankfest am Beginn der Weizenernte. An Schawuot brachte man die Erstlingsgaben als Dankopfer zum Tempel nach Jerusalem (vgl. Leviticus 23, 15-22 und Deuteronomium 16, 9-12).

Wie Pessach mit dem Auszug aus Ägypten so wurde auch Schawuot mit einem historischen Ereignis verbunden, nämlich mit dem Bundesschluss am Sinai und der Überreichung der Zehn Gebote beziehungsweise der Tora. Gemäss Exodus 12-19 liegen zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Empfang der Tora am Sinai 49 Tage.

Das Wochenfest ist ein Gabenfest: Gott wird gepriesen für die Gaben seiner Schöpfung und die Gabe der Tora, der Lebensweisung für sein Volk.

Die ersten christlichen Gemeinden feierten weiterhin die jüdischen Feste, sie begingen den Sabbat und den Sonntag, Pessach und Ostern. Mit dem Wochenfest verbanden sie eine weitere Gabe Gottes, den Heiligen Geist. Die christliche Deutung des Pfingstfestes ersetzte also nicht die bisherigen Festinhalte, sondern ergänzte sie.

Kolorierter Scherenschnitt in Mischtechnik mit jüdischen Symbolen, 19. Jahrhundert, in der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz. Das Spruchband „Jom Chag HaSchawuot ha-se“ bedeutet übersetzt „Dieser Tag (Heute) ist das Wochenfest“. © Dieter Hofer

Im Zeichen des Feuers

Christus wurde als neuer Mose gesehen: Wie Mose auf den Sinai hinaufgestiegen ist und die Gabe der Tora erhalten hat, so ist Christus nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren und hat den Seinen die Gabe des Geistes gegeben. 1Wie durch den Sinaibund das Volk Israel gefestigt wurde, so gilt das christliche Pfingsten als Gründungsfest der Kirche als Volk des Neuen Bundes.

Der Bericht über die Geistsendung bei Lukas in der Apostelgeschichte spiegelt diesen Bezug zum Ereignis am Sinai. Die Parallelen sind offensichtlich: In beiden Erzählungen steigt Gott im Feuer herab und das ganze jüdische Volk versammelt sich. Sowohl mit der Gabe der Tora als auch mit der Geistbegabung ist ein Auftrag an das Volk verbunden (Exodus 19,6): Es soll «Gottes grosse Taten verkünden» (Apostelgeschichte 2,11).

Beide Ereignisse kommen in den Lesungen in der Pfingstliturgie der katholischen Kirche vor, der Bundesschluss am Sinai allerdings nur fakultativ am Vorabend und in der Pfingstvigil.

Das Pfingstloch oder Heiliggeistloch, hier mit einer symbolischen Holztaube umgeben von Flammenzungen, ist heute meist noch als dekoratives Element in Kirchen zu finden.

Tora und Geist

Die Nähe und Gegenüberstellung des christlichen Pfingstfestes zum jüdischen könnte dazu verleiten, einen Gegensatz zu konstruieren zwischen der Gabe der Tora und der Gabe des Geistes, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Altem und Neuem Bund. Die Heilsereignisse des Alten Bundes erschienen dann bloss als Vorstufe, die durch das Neue Testament abgelöst würden.2 Diese Fehlinterpretation findet sich im Christentum bis heute.

Dabei ist schon die Übersetzung von Tora mit «Gesetz» missverständlich. Tora meint Weisung Gottes, Wort Gottes für ein gelingendes Zusammenleben.3

Tora und Geist gehören zusammen und sind aufeinander bezogen. Die Tora ist nicht toter Buchstabe, sie bedarf der ständigen geisterfüllten Auslegung, Aneignung und Umsetzung. Sie entlässt das Volk in die verantwortete Freiheit. Das Wort Gottes ist nicht etwas bloss Äusserliches, vielmehr den Menschen in den Mund und ins Herz gelegt (Deuteronomium 30,14). Umgekehrt ist die Gabe des Geistes auf Wort und Weisung angewiesen, auf Sprache und Verständlichkeit als Voraussetzung für Kommunikation und gemeinsames Leben. Die Gabe des Wortes und des Geistes Gottes machen aus Pfingsten ein Fest der Verständigung, ein «Fest des Dialogs zwischen Juden und Christen».4

Narrative Liturgie

Mit der Ausbreitung des Christentums unter Menschen nichtjüdischen Glaubens geriet der jüdische Ursprung von Pfingsten und der Zusammenhang mit Pessach und Ostern aus den Augen. Pfingsten wurde immer mehr als isoliertes Fest im Kirchenjahr betrachtet. Sein Inhalt wurde der Heilige Geist als dritte göttliche Person. Wie Weihnachten und Ostern erhielt Pfingsten als dritthöchstes Fest im Kirchenjahr eine Festoktav bis zum Sonntag der Dreifaltigkeit und eine von Busse geprägte Vorbereitungszeit (Pfingstnovene). Damit ging das Bewusstsein der Einheit mit Ostern verloren.

Die Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) hat die österliche Dimension von Pfingsten und seine jüdischen Wurzeln wieder stärker betont. Vor allem hat sie ein Grundprinzip jüdischen und christlichen liturgischen Feierns in Erinnerung gerufen:

Die Liturgie feiert nicht primär Ideen, Lehrsätze oder abstrakte Gottesvorstellungen, 5sondern Heilsereignisse in der Geschichte des Gottesvolkes, die in der Feier vergegenwärtigt werden. Liturgie ist nicht dogmatisch, sondern narrativ, ihr Inhalt sind Erzählungen, nicht Themen.

Pfingsten ist – jüdisch und christlich gesehen 6 – Abschluss und Anfang. Nach dem Auszug aus Ägypten stellt das Ereignis am Sinai eine wichtige Etappe für das jüdische Volk dar: Es wird in die Verantwortung entlassen. Auch für Christ:innen beginnt nach der österlichen Festzeit der Alltag, der Weg als Gemeinschaft der Kirche mit dem Wort des Evangeliums und im Heiligen Geist.

  1. Vgl. Reinhard Messner, Einführung in die Liturgiewissenschaft, Paderborn 2001, S. 328.
  2. Vgl. hierzu: Stichwort «Tora» in: Von Abba bis Zorn Gottes. Irrtümer aufklären – das Judentum verstehen, Ostfildern 2017, S. 174ff.
  3. Vgl. etwa: Georg Steins, Die Entdeckung Gottes im Alten Testament. Oder: Eine neue Welt entsteht, in: Margareta Gruber / Georg Steins, Mit Gott fangen die Schwierigkeiten erst an, Münsterschwarzach 2005, S. 7-55, hier S. 23-29.
  4. Christian M. Rutishauser, Theologie der Spiritualität angesichts des jüdisch-christlichen Dialogs, in: Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Studienhandbuch für Lehre und Praxis, Tübingen 2024, S. 187-204, hier S. 201.
  5. Zu den sogenannten Ideenfeste vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Ideenfest
  6. Vgl. https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/schawuot-beziehungsweise-pfingsten-allgemein/

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