Fronleichnam – Glaube als Weg

Fronleichnam wird mancherorts noch mit einer Prozession begangen. An vielen Orten ist der Feiertag dagegen aus dem Bewusstsein verschwunden. Was da gefeiert wird, fordert heraus – und das im besten Sinne.

Angefangen hat alles im 13. Jahrhundert mit einer frommen Frau: Juliana von Lüttich beschreibt, wie sie in einer Vision eine Mondscheibe gesehen habe, an deren Rand sich ein dunkler Fleck befand. Sie deutete dieses Bild so, dass der Kirche ein Fest fehlte. An diesem Fest, das sie fortan propagierte, solle die Gabe der Eucharistie im Zentrum stehen.

Das Anliegen von Juliana fiel auf fruchtbaren Boden. Denn die Eucharistiefrömmigkeit, insbesondere die Verehrung der Gegenwart Christi im eucharistischen Brot, war zu jener Zeit in der Bevölkerung bereits verbreitet. Bald schon wurde das Fest für die gesamte Kirche eingeführt und terminlich auf den Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag gelegt.

Der Name des Festes «Fronleichnam» leitet sich her aus den beiden mittelhochdeutschen Worten «vron» (dem Herrn gehörend) und «lichnam» (lebendiger Leib). Gefeiert wird also der lebendige(!) Leib des Herrn, oder in der Sprache des Glaubens, die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie.

Im Laufe der Zeit gaben Prozessionen dem Fest eine neue, erweiterte Form. Die konsekrierte (geweihte) Hostie wird dabei in einer Monstranz mitgetragen und den Gläubigen so sichtbar vor Augen geführt. Kunstvoll gefertigte Blumenteppiche am Wegrand prägen bis heute das Bild der Fronleichnams-Prozessionen.

Juliana von Lüttich im Chorgestühl der Katholischen Pfarrkirche St. Gordian und Epimachus, Merazhofen, Leutkirch im Allgäu, aus dem Jahr 1896. © Andreas Praefke

Ganz da

In einer Gesellschaft, in der die Säkularisierung fortschreitet und Religion immer mehr zur Privatsache wird, mag der Glaube, wie er an Fronleichnam zur Schau gestellt wird, Befremden auslösen. Mehr als andere kirchliche Feste fordert Fronleichnam zur Frage heraus: Was ist mein Glaube? Und (wie) trage ich meine Glaubensüberzeugungen nach aussen?

Gezeigt wird an Fronleichnam eine Hostie, banaler ausgedrückt ein Stück Brot. Sorgfältig eingelegt in ein oft prunkvolles Schaugefäss, wird allerdings bereits durch diese «Verpackung» darauf hingewiesen, dass da mehr drin steckt, als sich dem blossen Auge zeigt. Die Überzeugung, dass Jesus Christus gegenwärtig ist im eucharistischen Brot, beruft sich auf die Überlieferung vom letzten Mahl Jesu1 im Kreis seiner Jünger*innen. Und sie setzt den österlichen Glauben voraus, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat.

Diese Gegenwart des Auferstandenen lässt sich allerdings nicht auf die geweihte Hostie beschränken. Im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) riefen die Konzilsväter der Kirche in Erinnerung, dass sich Christi Gegenwart nicht auf die eucharistischen Gestalten und Handlungen beschränke. So ist Christus gegenwärtig, wo ein Sakrament2 (etwa Taufe, Ehe, Krankensalbung…) gefeiert wird, aber auch dann, wenn Texte aus der Heiligen Schrift vorgelesen werden und wenn Menschen gemeinsam beten und singen. Ganz im Sinne der Verheissung Jesu «wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Matthäusevangelium 18,20).3

In all diesen Vollzügen ist der auferstandene Jesus Christus da. Bezeugt, gehofft und geglaubt wird eine göttliche Gegenwart – und darüber hinaus die Botschaft, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass dieses Leben nicht alles ist. Und dass das von Jesus angekündigte Reich Gottes schon hier und jetzt Wurzeln schlägt und anfanghaft greifbar wird.

Katholischer Gottesdienst am Fronleichnamsfest auf dem Platz vor dem Kollegium St. Michael in Fribourg. Nebst Gläubigen nehmen Vertreterinnen und Vertreter kirchlicher und öffentlicher Ämter, verschiedener Kongregationen und Gruppierungen, deren Fahnenträger, Musikcorps und ehemalige Gardisten der Päpstlichen Schweizergarde in ihren historischen Uniformen teil.

Pilgernd unterwegs

Die Kirche macht sich an Fronleichnam auf den Weg. Während in früheren Jahrhunderten die Fronleichnamsprozessionen nicht selten auch als antireformatorisches Bekenntnis praktiziert wurde, steht heute ein anderes Bewusstsein im Zentrum: Der Glaube ist ein Prozess. Wie für das persönliche Leben, so ist auch für den Glauben die Weg-Metapher eine geeignete Seh- und Verstehhilfe. Wir sind unterwegs, gewinnen neue Einsichten, sammeln neue Erfahrungen – und das unser Leben lang. Auch Glaube entwickelt sich weiter,4 und es ist für die eigene Identität ein Gewinn, sich (immer wieder) auf den Weg zu machen, hinauszugehen aus dem Vertrauten oder – mit heutigen Worten – die eigene Komfortzone zu verlassen. Denn dort wartet (neues) Leben!

Auch Kirche soll sich nicht in ihr wohlig eingerichtetes Schneckenhaus zurückziehen noch im Elfenbeinturm ihrer Glaubenslehren verschanzen. Sie soll und darf sich weiterentwickeln. Mit der Rede vom «pilgernden Gottesvolk» hat das Zweite Vatikanische Konzil dazu aufgerufen, Kirche als Weggemeinschaft zu verstehen. Das Ziel zwar vor Augen, ist man ein Leben lang unterwegs und somit in Interaktion mit der Umgebung und all dem, was da begegnet.

Fronleichnams-Prozessionen führen nicht über rote Teppiche oder einen «Glaubens-Highway». Sie finden auf Strassen und Wegen des Alltags statt und ermöglichen so, mal mit anderen Augen auf das Vertraute zu blicken. Die Grenzen zwischen «heilig» und «profan» verschwinden. Gottesbegegnung findet statt, wo sich sonst Alltägliches abspielt.

Fronleichnamsprozession in Erschmatt (Wallis).

Zu dem, was Glaubende an Fronleichnam gemeinsam praktizieren, ist im Grunde jeder Mensch täglich aufgerufen: mit dem unterwegs sein, was ich glaube, und zu dem stehen, was mich trägt. Das alltägliche Leben wird so (oder so) zum Bekenntnis für die eigenen Überzeugungen und Haltungen.

  1. Vgl. Markusevangelium 14,17-25; Matthäusevangelium 26,20-29; Lukasevangelium 22,14-20.
  2. Vgl. dazu Angela Büchel, Der Zigarettenstummel des Vaters – Sakramente (I), auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/03/06/der-zigarettenstummel-des-vaters-sakramente-i/?highlight=sakrament und Dies., Von Pausen, Blumen und himmlischer Gnade – Sakramente (II), auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/04/04/von-pausen-blumen-und-himmlischer-gnade-sakramente-ii/?highlight=sakrament (16.5.26)
  3. Vgl. Konstitution über die Heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, Nr. 7, auf: https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19631204_sacrosanctum-concilium_ge.html (16.5.26)
  4. Vgl. zur entwicklungspsychologischen Sicht auf den Glauben André Flury, Stufen des Glaubens, auf: https://glaubenssache-online.ch/2022/02/09/stufen-des-glaubens-teil-1/?highlight=stufen (16.5.26)

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