Diktatoren und Autokraten setzen ihre Herrschaft immer schon mit Waffengewalt durch. Die gewalttätige Art ihrer Herrschaft wurde und wird zudem häufig auf das Gottesbild übertragen. Dadurch entstehen kriegerische Gottesbilder. Solche Übertragungen finden sich auch in den biblischen Schriften, doch kennen diese auch die Überwindung gewalttätiger Gottesbilder.
Wir Menschen sind zwar «im Grunde gut», tragen aber auch – vielleicht aufgrund des Millionen Jahre andauernden Evolutionsprozesses – ein gewalttätiges Potential in uns.1 Aufgrund dessen werden in der Menschheitsgeschichte oft diese beiden Pole, das Leben Bewahrende wie das Leben Zerstörende, auf das Gottesbild, auf unsere Vorstellung, wie Gott ist, übertragen.
Gewaltherrscher – Autokraten
Im Alten Orient liessen sich ägyptische Pharaonen und mesopotamische Herrscher häufig auf ihren Streitwagen abbilden, einen riesigen Kriegsbogen in ihrer mächtigen Faust. Die Feinde sind winzig klein dargestellt und werden von den Herrschern zerschmettert. Ihre Macht legitimieren altorientalische Herrscher zudem mit der Behauptung, ein Gott habe sie in ihr Amt eingesetzt und kämpfe für sie. Je mehr Schlachten ein Herrscher gewinnt, desto stärker ist sein Gott, so lautet ihre Propaganda.
Kriegerische Gottesbilder
Ein solch kriegerisches Gottesbild wird beispielsweise auf der berühmten Mescha-Stele aus dem 9. Jh. v. Chr. beschrieben: Moab war zu dieser Zeit ein Nachbarvolk von Israel. Mescha, der König von Moab, beschreibt seinen militärischen Sieg gegen Israel als Sieg seines Gottes Kemosch: Der Gott Kemosch gebietet dem König, Krieg zu führen und Kemosch vertreibt die Feinde des Königs. Der König seinerseits lässt alle Feinde umbringen «als Darbringung für Kemosch».2 Solche durch und durch kriegerischen Gottesbilder waren im ganzen Alten Orient verbreitet – und finden sich leider auch in der Bibel: So heisst es beispielsweise vom Jerusalemer König David mehrfach, er führe JHWHs Kriege (1 Samuel 18,17; 25,28) und auch von Gott heisst es, er schiesse Pfeile gegen die Feinde Israels/Judas ab (vgl. Psalm 21,13; 144,1-6) und gebiete Kriege und die schonungslose Vernichtung der Feinde (Numeribuch 31; Josuabuch 6–12). Solche Kriege werden im Ersten / Alten Testament zwar nie als «heilige Kriege» bezeichnet. Dennoch enthalten verschiedene biblische Schriften die im Alten Orient verbreitete Kriegsgott-Vorstellung, worauf möglicherweise auch der Gottesname «JHWH Zebaoth» («JHWH der Heere / Heerscharen») hinweist:3 Wie die Göttin Ischtar oder der Gott Assur für ihre Königreiche kämpfen, so kämpft JHWH in vielen Texten für Israel / Juda (z. B. Exodusbuch 15,3; Richterbuch 11,4; Psalmen 24,8.10; Jesaja 13,4; 32,13).

Notwendige Kritik
Überall da aber, wo sich die biblischen Schriften gegen dieses Kriegs-Gottesbild wenden, ist es eine Besonderheit für die altorientalische Zeit und ein deutlicher Schritt zu mehr Humanität, Menschenwürde und Frieden. So etwa, wenn in einem biblischen Text die Übertragung männlicher Gewaltherrschaft auf Gott explizit kritisiert wird und Hosea 11,9 argumentiert, Gott komme nicht erneut im Zorn, denn Gott sei Gott «und kein Mann».4
Auch die Entwicklung zum monotheistischen Glauben hat meines Erachtens vor dem altorientalischen Hintergrund eine friedensfördernde Wirkung: Wenn es nur einen Gott für alle Menschen gibt, kann nicht mehr ein Volk mit seinem Haupt-/ Kriegsgott gegen ein anderes Volk mit dessen Haupt-/ Kriegsgott in den Krieg ziehen – denn das wäre komplett widersinnig, da es ja nur einen Gott für alle Völker gibt.5
Biblische Anti-Kriegs-Texte
Es gibt im Alten Testament zudem auch eigentliche Anti-Kriegs-Texte, in denen Gott gegen den Krieg kämpft: Wenn Gott Kriegen ein Ende setzt, indem Gott Kriegsbogen zerbricht, Lanzen zerschlägt und Schilde im Feuer verbrennt (vgl. Psalm 46,10; 76,4-10; Hosea 2,20; Sacharja 9,10; Haggai 2,22).
In der Sintfluterzählung (Genesis 6–9) entwickelt sich das Gottesbild noch einen entscheidenden Schritt weiter: Weil Menschen durch Gewalttätigkeit nicht zum Besseren gebracht werden können, verzichtet Gott in der biblischen Sintfluterzählung schliesslich ganz auf Gewalttätigkeit. Bildhaft wird das zum Ausdruck gebracht, indem Gott seinen Kriegsbogen «an den Himmel hängt». Die Vorstellung eines Kriegsgottes wird dadurch abgelehnt und die Hoffnung auf einen Gott des Friedens gesetzt.
In manchen biblischen Texten wird auch verlangt, dass Menschen ihre Waffen vernichten (Ezechielbuch 39,9f) oder dass sie die Waffen umschmieden zu Werkzeugen für den Ackerbau – «Schwerter zu Pflugscharen» – und keinen Krieg mehr lernen (Jesaja 2,2-5 par. Micha 4,1-5).6

Friedenstexte
Dieses Abrüsten verbindet sich mit der Hoffnung auf einen universalen Frieden (Jesaja 11,6-9) und mit der Vision von einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Jesaja 65,17-25). Solche Anti-Kriegs-Texte sind eine Besonderheit der Bibel im Alten Orient. Denn in der Regel sahen altorientalische Staaten in militärischen Aktionen ein legitimes Mittel, um machtpolitische Interessen durchzusetzen – eine Haltung, die in der Menschheitsgeschichte bis heutzutage leider immer wieder dominiert.7
Doch damals wie heute muss jede ernsthafte Religion dazu beitragen, die Gewalttätigkeit des Menschen sowie menschenverachtende politische und wirtschaftliche Systeme zu überwinden und den Frieden fördern.
Böses mit Gutem überwinden
Hoffnungen auf Frieden und Visionen einer anderen, besseren Welt und Gesellschaft sind notwendig. Aber wie können wir Böses konkret überwinden? Mit Bösem meine ich gemäss biblischem Sprachgebrauch Hass, Gewalttätigkeit, Blutvergiessen, Ausbeutung usw., also alles, was das Leben und eine gute menschliche Gemeinschaft vermindert, stört oder gar zerstört.
Ein erster Schritt zur Überwindung von solch Bösem ist es, wenn Gewalttätigkeit komplett abgelehnt und für den Frieden plädiert wird, wie es etwa die Seligpreisungen des Matthäusevangeliums tun: «5Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben […]. 9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.» (Matthäusevangelium 5,5.9).
Ein zweiter Schritt ist es, wenn zur Liebe, zum unbedingten Wohlwollen gegenüber allen Menschen aufgefordert wird, wie im Levitikusbuch 19,18 und in den Evangelien (Markusevangelium 12,31 par.). Und natürlich ist mit Nächstenliebe (grie. agape) kein romantisches Gefühl oder theoretisches Konstrukt gemeint, sondern vielmehr ganz konkretes Handeln zum Wohl eines Mitmenschen – vor allem eines Mitmenschen in Not. So, wie es die Goldene Regel zusammenfasst: «Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen» (Matthäusevangelium 7,12 par.)
Selbst Feindesliebe
Ein weiterer Schritt ist es, wenn nicht Gleiches mit Gleichem vergolten wird, sondern Bösem mit Gutem begegnet wird. Explizit diese Art der Überwindung des Bösen betonen jene biblischen Aussagen, die zur Feindesliebe auffordern. Ohne den Begriff «Feindesliebe» findet sich diese Aufforderung bereits im Ersten / Alten Testament: «21Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken; 22so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und Gott wird es dir vergelten.» (Sprüche 25,21-22; vgl. Exodusbuch 23,4). Mit dem Bildwort «glühende Kohlen auf sein Haupt» wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass der Feind / Übeltäter durch das erfahrene Gute sich zum Besseren wenden kann.
Im Leben des Apostels Paulus hat sich diese Wende vollzogen: Zunächst verfolgte Paulus in religiösem Eifer Menschen, die an Jesus glaubten, unerbittlich und versuchte, sie «zu vernichten» (Galaterbrief 1,13; vgl. 1 Korintherbrief 15,9). Doch die Frage des Auferstandenen Christus: «warum verfolgst du mich?» (Apostelgeschichte 9,4), initiierte bei Paulus einen langen Prozess der Veränderung. Er erlebte nun seinerseits Verfolgung und Gewalt, doch veränderte sich nun seine Haltung radikal: «14Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht! […] 17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem, seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht!» (Römerbrief 12,14.17) Welch eine Veränderung seines Glaubens!
Paulus steht damit in der Nachfolge der Botschaft Jesu. In der Bergpredigt verbindet Jesus die Feindesliebe mit einem barmherzigen Gottesbild: «43Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45so werdet ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte» (Matthäusevangelium 5,45-45).
Aufgrund von alledem bin ich überzeugt: Ein barmherziges Gottesbild führt zu eigener Barmherzigkeit – gegenüber anderen Menschen und gegenüber sich selbst. Und der Glaube, dass jeder Mensch – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion usw. – von Gott als Ebenbild ins Leben gerufen wurde (Genesisbuch 1) und dass Gott keinerlei Blutvergiessen, sondern den Frieden und ein glückliches Leben für alle Menschen will, führt zum Engagement für den Frieden – hier und jetzt.
- Vgl. Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg 2021, zur Frage des Gewalttätigen der Menschen vgl. S. 223-277.
- Zu Text und Bedeutung der Mescha-Stele vgl. Thomas Wagner: Mescha / Mescha-Stele, auf: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/27025/ [16.6.2026].
- Vgl. Siegfried Kreuzer, Zebaoth, auf: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/35190/ [16.6.2026].
- Das hebräische isch wird an den meisten biblischen Stellen mit «Mann» übersetzt. Deutsche Übersetzungen, die in Hosea 11,9 nun plötzlich mit «Mensch» (Einheitsübersetzung 2017) oder «irgendwer» (Zürcherbibel 2007) übersetzen, vertuschen die m.E. die in Hosea 11,9 gewollte Betonung männlicher Gewalttätigkeit und deren Übertragung auf Gott.
- Jan Assmann hat seine ursprüngliche These, der (biblische) Monotheismus habe zu Intoleranz und Krieg geführt, weitgehend zurückgenommen, vgl. Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München 2015, 11f.
- Vgl. Angela Büchel-Sladkovic: Schwerter zu Pflugscharen, auf: https://glaubenssache-online.ch/2022/08/10/schwerter-zu-pflugscharen [16.6.2026].
- Vgl. Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten, München 2024.
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