Körper: Einst verdächtigt, heute wieder wertgeschätzt

Unser Blick auf Körper und Kleider hängt eng mit unserer Kultur zusammen. Auch das christliche Erbe hat unser Körperverständnis geprägt. Nicht immer entsprach dies dem, was in der Bibel steht.

Sommerliche Körperlichkeit

Wenn im Frühjahr und Sommer das Thermometer steigt, fällt Hülle um Hülle. Zuerst wandern dicke Pullover in den Schrank, es werden T-Shirts angelegt, bis schliesslich bei Temperaturen jenseits der 25°C der fast nackte Mensch in der Badi, im Fluss oder Meer nach Abkühlung sucht. Im Zuge dieser jahreszeitlichen Enthüllung rückt zugleich der eigene oder fremde Körper stärker in die Wahrnehmung: Man erfreut sich am reizvollen Anblick anderer Menschen, sinnt der einen oder anderen Fantasie nach und fragt sich zugleich, wie der eigene Körper wohl auf fremde Augen, Ohren und Nasen wirken möge; zwischen Frühlingsgefühlen und Frühlingserwachen sind nämlich Körperfunktionen wie das Schwitzen oder das Erröten ebenfalls viel sichtbarer als im Winter, in dem uns dicke Kleidungsschichten vom Blick der Öffentlichkeit gleichsam „abpuffern“.

Es überrascht nicht, dass es zahlreiche geschriebene und ungeschriebene Gesetze darüber gibt, wie man sich und seinen (mehr oder weniger verhüllten) Körper in der Öffentlichkeit präsentiert. Wer im Pelzmantel die Sauna betreten möchte, wird mit Hinweis auf die geltenden Richtlinien an diesem Vorhaben gehindert werden; wer umgekehrt blutt durch die Innenstadt läuft, kann wegen „grober Verletzung von Sitte und Anstand“ gebüsst werden, wie Schweizer Gerichte festgestellt haben. Wir merken uns: Kleidung, Körper und Kultur hängen sehr eng zusammen!

Wie wir unsere Körper in der Öffentlichkeit präsentieren, entspringt keinem ewigen, unveränderlichem Gesetz, sondern ist stark kulturell geprägt und reagiert auf die Moden der Zeit. Uns mag die ungeheuerlich aufwändige körperliche Verhüllung von Damen des oberen Bürgertums aus dem 19. Jahrhunderts als geradezu grotesk pompös erscheinen, während umgekehrt diese Damen die heutige Selbstdarstellung von Körpern, die wir als völlig normal empfinden, als schamlos, liederlich und gesellschaftlich völlig unangemessen betrachten würden. Doch wir müssen zeitlich nicht einmal so weit zurück gehen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es praktisch undenkbar gewesen, sich als Mitglied der Mittelschicht ein Tattoo stechen zu lassen. Heute gehört es dagegen fast zum „guten Ton“ wenigstens die Namen seiner Kinder (oder Eltern) an prominenter Stelle in den Körper eingravieren zu lassen.

Immer weniger: Die Evolution des Badekleids von 1900 bis 1925.

Das Christentum und der lange Schatten der Leibfeindlichkeit

Diese kurze Einführung verdeutlicht, dass unsere Wahrnehmung und Bewertung des eigenen und von fremden Körpern von verschiedenen Faktoren abhängt – und ein zentraler wurde bislang noch nicht genannt: Natürlich die Religion. In unseren Breiten hat das Christentum seit bald zweitausend Jahren mitgeprägt, wie Menschen ihren Körper zeigen und welches Verhältnis sie zu ihm haben sollen. In einigen kurzen Anläufen soll nun gezeigt werden, welche problematischen Auswirkungen das Christentum über lange Zeit in dieser Hinsicht gehabt hat und welche leibfeindlichen Folgen sich daraus ergeben haben – die teilweise bis heute nachwirken.

Was ist überhaupt mit dem Begriff „Leibfeindlichkeit“ gemeint? Nun, die Theologie hat über lange Zeit die Vorstellung vertreten, dass es allein der Geist/die Seele ist, welche den Menschen mit Gott verbindet. Der Körper hingegen wurde von ihr als minderwertige, rein fleischliche Behausung des Geistes angesehen, der noch dazu mit seinen irrlichternden Trieben den Geist in seinem natürlichen Streben nach Gott einschränkt oder verunreinigt. Kurz gesagt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ wie es Mt 26,41 in einem berühmten Sprichwort auf den Punkt bringt.

Wie aber kam die Theologie überhaupt dazu, den menschlichen Körper über so lange Zeit so übel zu beleumunden? Eine Fährte führt in die Antike. In den ersten Jahrhunderten sahen sich Theolog:innen vor der schwierigen Herausforderung, ihren Glauben auch vor philosophisch gebildeten Bewohnern – und das waren nicht wenige – des römischen Reiches zu verteidigen. Eine Strategie der sogenannten Apologeten (griech. für „Verteidiger“ des Glaubens) war dabei, zentrale christliche Glaubensaussagen mit der Hilfe der griechischen Philosophie zu rekonstruieren und sie damit auch für Gebildete glaubhaft werden zu lassen. In diesem Prozess verbanden sich als Nebeneffekt jüdisch-christliche Gottes- und Glaubensvorstellungen mit philosophischen Begriffen.

Für das christliche Körperverständnis stilprägend wurde dabei unter anderem die auf den griechischen Philosophen Platon (428–348 v. Chr.) zurückgehende Vorstellung, dass es die ewigen und unvergänglichen Seelen sind, die die eigentliche Identität des Menschen ausmachen. Der menschliche Körper wird dagegen als Gefängnis für die Seele aufgefasst, den diese erst nach dem Tod verlassen kann. Anschliessend beginnt sie eine „Seelenwanderung“, die mit der Einnistung in einem neuen Körper endet. Bei Platon ist der Gedanke somit zentral, dass der Körper als minderwertig und korrupt gegenüber der idealen Seele einzuschätzen ist.

Der Phönix, der aus der Asche neu geboren aufsteigt, gilt als Symbolbild für die Wiedergeburt der Seele. Aus dem Bestiarium von Aberdeen, 12. Jahrhundert.

Mit der Bibel gegen missverständliche Körperbilder

Diese absolute Überordnung des Geistes/der Seele über den Körper hat durch Theologen wie Augustinus und mit der Entwicklung seiner Erbsündenlehre starke leibfeindliche Tendenzen in die christliche Weltsicht einfliessen lassen. Beispielsweise werden „körperliche“ Tätigkeiten wie Sexualität und Fortpflanzung immer stärker den Frauen zugerechnet, die „geistigen“ dagegen den Männern. Damit kommt eine Dynamik in Gang, die für die Geschlechtergerechtigkeit im Christentum fatal gewesen ist. Fast paradox mutet aus heutiger Sicht an, dass einerseits Frauen das Überleben der Menschheit sicherstellen, sie andererseits aber genau dafür als körperlich und moralisch minderwertig gegenüber den Männern wahrgenommen worden sind und erschreckenderweise auch manchmal sogar noch werden. Bis in die jüngste Gegenwart lassen sich noch Echos dieses problematischen Erbes wahrnehmen, wenn etwa der weibliche Körper als etwas benannt wird, das verführt und verdirbt …

Der verbohrte Blick auf den Körper zeigt sich auch bei der Beichte, die seit dem 17. Jahrhundert zu einer Abprüfung aller möglichen und unmöglichen körperlichen Reiz-Reaktions-Verhaltensweisen wird. In minutiös ausgearbeiteten Beichtbüchern mit ausführlichen Gewissensprüfungen finden sich beispielsweise Sätze wie der folgende: „Man soll sich auch hüthen, daß man sich nicht selbst zur Unkeuschheit verleite: durch zu vieles Essen und Trinken, durch Müssiggang und Vorwitz der Augen, wodurch schon viele in die größten Sünden und Laster gerathen sind.“ 1Auch hier: der eigene Körper steht immer in der Gefahr das Seelenheil zu gefährden.

Am anderen Ende des körperlichen Wahrnehmungsspektrums steht der Priester, der immer stärker zu einem Symbol der körperlichen und in der Folge auch geistlichen Reinheit wird. Der Priester lebt ehelos – zölibatär – und ist in der christlichen Vorstellungswelt allein deshalb weniger der Versuchung körperlicher Triebe ausgesetzt als ein:e Nichtpriester:in. Solche Reinheitsideale oder -fantasien führen vor allem im Katholizismus zu einer teilweise übersteigerten Priesterzentrierung, mit ebenso schädlichen Auswirkungen wie die körpermotivierte Herabsetzung von Mädchen und Frauen.2

In der Zusammenschau dieser problematischen Entwicklungen wünscht man sich heute nichts mehr, als dass viele Theolog:innen mal etwas genauer in der Bibel gelesen hätten. In ihr überwiegt nämlich ein ganzheitlicher Blick auf den menschlichen Leib, dem der platonische Dualismus von Geist und Körper fremd ist. Im Buch Genesis wird davon erzählt, wie Gott den Menschen liebevoll töpfert und ihm seinen Geist einhaucht (Gen 2,4-25) – diesen aber eben nicht als kleines, vom Körper getrenntes ewiges Seelenpartikelchen, sondern als Geist, der den ganzen Menschen in seiner leiblichen Identität umfasst. Prominent im Markusevangelium wird Jesus als jemand beschrieben, der immer wieder in leibliche Resonanz zu den Menschen geht, sie berührt und sich von ihnen berühren lässt. Halten wir ermutigt fest: Gott hat einen Körper!3 Heilungserfahrungen machen die Menschen mit Jesus nicht auf der geistigen Ebene, sondern eben wieder ganzheitlich: Sie werden hörend und sehend, fühlend und hoffend. Die biblisch-christliche Hoffnung richtet sich nicht zuletzt auf eine leibliche Auferweckung – d. h. eine Auferweckung, die den Menschen in seiner ganzen leiblichen Identität umfasst.

Für uns heute kann dies Ansporn sein, unseren Körper/Leib als göttliches Geschenk wiederzuentdecken. Er ist der Träger unserer Identität und dadurch in seiner Gesamtheit wichtig – mit allen schönen und makelbehafteten Stellen, in seinen einzigartigen Fähigkeiten und vor allem auch in der Freude, geliebt und geistig/körperlich berührt zu werden: von Gott, von unseren Partner:innen, von unseren Kindern und Mitmenschen. So, wie wir sind.

Keine Angst vor den Körpern anderer Menschen: Christus heilt Kranke durch seine Berührungen, Gemälde von Gebhard Fugel (1863–1939).
  1. Karl Sigmund Zeller: Beichtspiegel für Erwachsene oder: ausführlicher Unterricht über das heilige Sacrament der Buße, Linz 1822.
  2. Hubertus Lutterbach: Werdet wie die Kinder. Spiritualität und Missbrauch, in: Herder Korrespondenz 73 (01/2019).
  3. Zu diesem Thema weiterführend: Angela Büchel Sladkovic: Kosmischer Christus – Body of God“, auf: https://glaubenssache-online.ch/2023/10/04/kosmischer-christus-body-of-god/.

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