Fremd und aus der Zeit gefallen – so erscheinen manchen die offiziellen Gebete in der Liturgie. Dabei könnten die Orationen als intensive Gebetsmomente beispielhaft sein.
Lange Zeit galt Beten als reine Privatsache. Über die eigene Gebetspraxis wurde selten gesprochen. Wer am Gottesdienst teilnahm, setzte sich in die hinteren Bankreihen, denn öffentlich zu beten, empfanden viele als frömmlerisch. Das hat sich geändert. In den (sozialen) Medien werden Gottesdienste ästhetisch modern inszeniert. Sogenannte Christfluencer:innen animieren zum Beten, sie erzählen, wie sie beten, was ihnen das Gebet «bringt». Unzählige Apps und Chat-Gruppen widmen sich dem Gebet. Politiker instrumentalisieren das Gebet zur Verfolgung ihrer politischen Agenda. Umso dringlicher stellt sich die Frage, wie wir verantwortungsvoll mit dem Gebet umgehen.

Eine lange Gebetstradition
Die Liturgie der katholischen Kirche kennt eine alte Gebetsgattung, an der wir erkennen können, was christliches Gebet kennzeichnet. Sie liefert Merkmale und Kriterien für gemeinsames öffentliches Beten und kann das persönliche Gebet inspirieren.
Gemeint sind die Orationen (von lateinisch: orare = reden, beten, predigen). Wir begegnen ihnen in nahezu allen Formen der katholischen Liturgie. In der Eucharistiefeier zählen das Tagesgebet, das Gabengebet und das Schlussgebet zu dieser Gattung.
Orationen sind kurze, formal strenge und inhaltlich dichte Gebete, vorgetragen von der Person, die der Liturgie vorsteht. Sie stammen aus der lateinischen Gebetssprache, ihre Wurzeln reichen in die Spätantike zurück. Die Gebete wurden zunächst mündlich überliefert, später gesammelt und schriftlich weitertradiert.
Im Zuge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) wurden die alten Orationen in die Volkssprachen übertragen und neue Orationen geschaffen. Trotzdem sind sie vielen Gläubigen fremd geblieben. Auch wenn nicht alle Orationen von gleicher Qualität und nicht alle Übersetzungen gleichermassen gelungen sind, liegt doch mit ihnen ein Gebetsschatz vor, der einen Zugang zum öffentlichen und gemeinsamen Beten ermöglichen kann.
Barmherziger Gott,
was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört hat,
das hast du denen bereitet, die dich lieben.
Gib uns ein Herz,
das dich in allem und über alles liebt,
damit wir
den Reichtum deiner Verheißungen erlangen,
der alles übersteigt, was wir ersehnen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
(Tagesgebet, 20. Sonntag im Jahreskreis)
Erfahrung gemeinsamen Betens
Orationen sind nicht nur vorgetragene Texte, es handelt sich um ein Gebetsgeschehen, an dem die ganze Versammlung beteiligt ist. Beim Aufruf «Lasset uns beten» erheben sich alle. Das Stehen als die bevorzugte Haltung christlichen Betens verweist auf die Erlösung durch die Auferstehung Jesu Christi und signalisiert Bereitschaft zu gemeinsamem Tun.
Nach der Gebetseinladung folgt ein Augenblick der Stille, in dem sich jeder und jede in der Gemeinde bewusst in die Gegenwart Gottes stellt, sich in der Haltung des aufmerksamen aktiven Hörens auf Gott ausrichtet, das Herz zu Gott erhebt. Nach der Sammelbewegung in Stille spricht die vorstehende Person im Namen aller das Gebet. Es schliesst mit der der sogenannten Mittlerformel (durch Jesus Christus …) und dem «Amen» der Gemeinde.

In die Beziehung zu Gott eintreten
Das Gebetsgeschehen der Liturgie beginnt also mit der Einladung zum Gebet und einem Moment der Stille. Auch im Gottesdienst sind die Gegenwart Gottes und die Beziehung zu Gott nicht selbstverständlich gegeben. Gott ist nicht da, wie andere Menschen oder Gegenstände da sind. Gott steht nicht zur Verfügung. Wir, die Teilnehmenden, müssen uns der Gegenwart Gottes gewahr werden, uns auf sie einlassen.
Die Gebetsstille ermöglicht, in eine Beziehung zu treten mit dem ganz Anderen, dem Göttlichen, das für Verstand, Gefühl und Sinne nicht fassbar ist.
Es ist wie das Eintreten in einen Raum, der anders ist als jene Räume, in denen wir uns im Alltag bewegen und die wir gestalten. In der Gottesbegegnung eröffnet sich uns – mitten in unserem Leben – etwas je Neues, Grösseres, Heiliges. «Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden» spricht die Stimme aus dem Dornbusch zu Mose (Exodus 3,5).
Gott ansprechen
Auf die Stille folgt eine Gottesanrede. Wir dürfen Gott anreden, weil Gott sich den Menschen gezeigt hat, ihnen den Namen offenbart hat. Gemäss biblischer Tradition bleibt der Gottesname Geheimnis, wir können Gott auch in der Anrede nicht habhaft werden. Die Anrede bei den Orationen ist darum meist kurz: «Gott» oder «Gütiger Gott» oder «Gott des Lebens».1
Wir machen Gott im Gebet nicht zum Kumpel. Gott bleibt der / die Unbekannte, auch wenn wir glauben, dass Gott uns will, sich uns zuwendet. Doch Gottes Pläne sind grösser und anders als unsere Pläne.
Heutige Gebetspraktiken, die durch die Medien Öffentlichkeit erlangen, sind oft an Jesus (Christus) gerichtet. Anders verhält es sich bei den Orationen: Sie richten sich – wie die meisten liturgischen Gebete – in der Regel an den Gott Jesu Christi. Wir beten mit Jesus und durch ihn zu dem Gott, den Jesus aufgrund seiner jüdischen Herkunft «Vater» nannte, und den wir darum auch als Vater (oder Mutter) anreden können. Jesus Christus, Gottes Sohn und Menschensohn, ist die Brücke, die uns mit Gott verbindet. In den Orationen stellen wir uns mit dem Juden Jesus und mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern in eine gemeinsame Gebetstradition.
Gott gedenken
Landläufig wird das Gebet mit dem Bittgebet gleichgesetzt. Menschen wenden sich an Gott, wenn sie in Not sind oder ein Anliegen haben. Und sie hoffen auf Erhörung ihrer Gebete.
Am Beginn des christlichen Betens steht aber – auch das zeigen die Orationen – nicht die Bitte an Gott, sondern das Gedächtnis der Taten Gottes.2
Bevor wir Gott um etwas bitten, erinnern und vergewissern wir uns dessen, was Gott getan hat und weiterhin tut: in der Schöpfung, in der Geschichte des Volkes Israel, durch Jesus Christus an uns. Dieses erzählende, lobpreisende Gedenken ist ebenfalls jüdisches Erbe.
Das Bittgebet entspringt nicht primär menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, sondern gründet im Glauben an das Handeln Gottes, das jedem menschlichen Tun vorausgeht.
Gott erfüllt nicht menschliche Wünsche oder belohnt menschliche Leistungen, sondern handelt aus freiem Willen. Wo Gott zum Erfüllungsgehilfen eigener Wünsche gemacht und das Gebet für eigene Zwecke instrumentalisiert wird, da ist Gott nicht mehr als eine menschliche Projektion, ein von Menschen geschaffener Götze.
Das betende «Wir»
Die Orationen sind gemeinschaftliches Gebet. Doch wer ist dieses «Wir», das sich an Gott wendet?
Gemeint ist zunächst die versammelte Gemeinde, in dessen Namen die vorstehende Person das Gebet spricht. Doch inhaltlich sprechen die Orationen nicht konkrete Situationen oder Befindlichkeiten der Gemeindeglieder an. Sie sind Gebete der Kirche, zunächst dadurch, dass sie für bestimmte liturgische Feiern vorgegeben sind oder zur Auswahl stehen und entsprechend an verschiedenen Orten gebetet werden. Es sind häufig alte Gebete, die Christgläubige vor uns schon gehört und mitgebetet haben.
Das «Wir» des christlichen Gebetes schliesst niemanden aus. Es ist nicht das «Wir» einer bestimmten Bekenntnisgemeinschaft, einer bestimmten Volksgruppe oder einer Nation, die sich gegen andere stellt. Im Grunde dürfen sich alle dem Gebet anschliessen, die an einen Gott glauben, der Leben will für alle.3
Die Weite des Gebetes
Gewiss: Die Orationen sind oftmals sperrig und fern unserer Alltagssprache. Die Übersetzungen der alten Orationen müssen revidiert werden und es braucht Neuschöpfungen in heutiger Sprache. Doch als Gebetsgattung sind Orationen ein geistlicher Schatz. Gerade durch ihre Schlichtheit, Überzeitlichkeit und Prägnanz können sie Menschen in unterschiedlichsten Situationen ansprechen, ihnen Halt geben, das eigene Gebet nähren und den Glaubenshorizont weiten.

- Manche der tradierten Gottesanreden sind heute kritisch zu betrachten und nicht unreflektiert verwendbar, weil sie missverständlich oder verletzend sein können («Allmächtiger Gott», «Herr, unser Gott»). Andere, etwa weiblich konnotierte Anreden sind biblisch gut begründbar: «Ewige», «Gott, Vater und Mutter»
- Auch anderen Bittgebeten in der Liturgie, etwa den Fürbitten, geht ein Gedenken in Form eines Lobpreises oder einer biblischen Erzählung voraus.
- Das «Wir» umfasst letztlich alle Lebewesen, ja alles Geschaffene. Im Gesang der drei jungen Männer im Feuerofen werden alle «Werke und Mächte Gottes» aufgerufen, Gott zu preisen: die Engel und der ganze Kosmos, die Erde und ihre Lebewesen, die Menschen, unter ihnen die Israeliten und schliesslich die drei Jünglinge selbst (Daniel 3, 51-89).
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