Die Bibel ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Die Art und Weise, wie die Menschen zu jener Zeit geglaubt und gelebt haben, ist eingeschrieben in ihre Texte. Gleiches gilt für die christlichen Glaubenssätze, wie sie im Laufe der Jahrhunderte formuliert worden sind.
In 1000 Jahren passiert viel. Drehen Sie in ihrer Vorstellung die Uhr mal um so viele Jahre zurück: Was hat sich seit 1026 allein in unseren Breitengraden nicht alles getan! Nicht nur der Lauf der Geschichte, auch Weltanschauungen, Kulturen, das alltägliche Leben sowie das Denken darüber haben sich entwickelt und verändert. Politische Strukturen sind gewachsen – und im Fortgang der Geschichte auch wieder untergegangen. Menschen haben sich einen Namen gemacht – und sind grösstenteils auch wieder in Vergessenheit geraten. Die Vorstellung von Gott hat im Dialog mit der zeitgenössischen Philosophie Konturen gewonnen – und dann wieder in neuen, ganz anderen Bildern Ausdruck und Zustimmung gefunden.
1000 Jahre: Ungefähr in dieser Zeitspanne sind die Texte der Bibel aufgeschrieben, zusammengetragen und überarbeitet worden. Die Vielstimmigkeit und der Reichtum an Perspektiven, mit denen in der Bibel auf Gott und die Welt geblickt werden, sind ein Zeugnis gelebten Glaubens. Immer war es den Autor:innen der biblischen Texte ein Anliegen, ihre Glaubensüberzeugungen so zu vermitteln, dass sie in ihrem kulturellen Umfeld verstanden werden konnten.
Der Dialog mit der jeweiligen Gegenwart bildet auch den Hintergrund für die Formulierung christlicher Glaubensinhalte.
Einige Schlaglichter auf die über 3000-jährige jüdisch-christliche Glaubensgeschichte sollen veranschaulichen, wie Menschen sich Gottes Schöpfung vorgestellt und diese gedeutet haben.
Woher? Wohin?
Die Bibel beginnt mit zwei Erzählungen über die Schöpfung (Genesisbuch 1 und 2). Beiden ist gemeinsam, dass sie keine naturwissenschaftlichen Erklärungen zur Entstehung der Welt abgeben wollen. Ihnen geht es weniger um Fakten als um ein Nachdenken über die grossen Sinn-Fragen des Lebens: Warum gibt es uns? Woher kommt alles Seiende? Wohin führt der Weg des Lebens? Worauf können wir uns verlassen? Mit diesen und ähnlichen Fragen haben Menschen sich in jeder Epoche beschäftigt – stets mit Bildern, Worten und Gepflogenheiten ihrer Zeit. Die alttestamentlichen Schöpfungstexte etwa greifen altorientalische Schöpfungsmythen auf und formulieren das jüdisch-christliche Vertrauen auf einen guten Gott als Schöpfer aller Wirklichkeit in Gestalt dieser uralten Erzählungen.1

Aus dem Nichts
Die späteren Schriften des Alten Testaments, das Neue Testament sowie viele weitere frühchristliche Texte sind vor dem Hintergrund und teilweise in bewusster Auseinandersetzung mit dem Hellenismus entstanden. Mit dem Hellenismus ist die antike griechische Kultur und Geschichte gemeint, wie sie vom 4. Jh. v. Chr. bis ins 1. Jh. n. Chr. im Mittelmeerraum prägend war. Diese Prägung zeigt sich unter anderem am Nachdenken über die Schöpfung. In der griechischen Philosophie setzte sich die Überzeugung durch, dass die Welt ewig ist. Infolgedessen wurde ihr ein göttlicher Charakter zugeschrieben. Von einer solchen Vergöttlichung der Welt wollte sich die jüdisch-christliche Denktradition absetzen und entwarf die Vorstellung einer «creatio ex nihilo» (Schöpfung aus dem Nichts). Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass Gott keine vorhandene Materie brauchte, um die Welt zu erschaffen. Als Gott die Wirklichkeit erschuf, handelte Gott aus vollkommener Freiheit und Liebe, ohne jede Absicht und Notwendigkeit.
Creatio continua
Den Gedanken einer «creatio continua» (fortgesetzte Schöpfung) brachte im 4./5. Jh. der Gelehrte Augustinus (354–430) ein. Die Schöpfung wurde nicht als ein abgeschlossenes Werk Gottes betrachtet, sondern als ein Prozess, der andauert. Gott bleibt seiner Schöpfung zugewandt. Das zeige sich überall dort, wo das Gute sich entfaltet und zum Tragen kommt. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott sich nach der Erschaffung der Welt (den biblischen «sieben Schöpfungstagen») nicht zurückgezogen hat, sondern für seine Schöpfung zugänglich bleibt. Es darf folglich damit gerechnet werden, dass Gott gestaltend gegenwärtig bleibt. Göttliches Schöpfungshandeln ist mehr als eine Initialzündung, es geschieht auch noch hier und heute.

Natur und wir
Dass Menschen Gott in der Schöpfung begegnen können, hat im Mittelalter auch Franziskus von Assisi (1182–1226) erlebt und in seinem Sonnengesang poetisch besungen.2 Während früher die Natur vielfach als übermächtig und für den Menschen bedrohlich wahrgenommen wurde, nimmt Franziskus den Menschen wahr als eingebunden in ein grösseres Ganzes, das von Gottes Güte und Schönheit geprägt ist. Die Natur als Ganze ist Schöpfung Gottes und daher Ort der Gottesbegegnung. Die verschiedenen Elemente (Sonne, Mond, Wasser, Wind, Feuer, Erde) bezeichnet Franziskus im Sonnengesang als seine Brüder und Schwestern, und sogar dem Tod kann er versöhnlich als einer Schwester bzw. einem Bruder gegenübertreten.
Dieser franziskanische Geist der Verbundenheit aller Schöpfungswerke wurde vom Papst, der sich nach Franziskus von Assisi benannte, in Erinnerung gerufen. In seiner Enzyklika «Laudato si’» spricht Papas Franziskus 2015 vom Eigenwert der Schöpfung (Laudato Si’ Nr. 33).3 Er grenzt sich damit klar ab von der Vorstellung, dass die Natur einzig oder zumindest primär dazu da ist, dem Menschen als Ressource für sein Leben zu dienen. Diese Vorstellung, dass alle anderen Geschöpfe auf den Menschen als den Höhepunkt der Schöpfung ausgerichtet sind, hat das christliche Denken und Handeln verhängnisvollerweise lange Zeit dominiert.

Verletzte Schöpfung – verletzliche Menschheit
In ihrer Vielfalt und Üppigkeit kann die Schöpfung als Bild für Gottes Lebensfülle und Güte betrachtet werden. Heute ist aber auch ein zweiter Blick nicht vermeidbar: Die Erde ist am Anschlag. Sie – und wir mit ihr – stecken in einer ökologischen Krise. Die Ausbeutung ihrer Ressourcen geht weiter zu Lasten zahlreicher Schöpfungswerke Gottes. Arten verschwinden, die Lebensbedingungen für viele Menschen (und andere Lebewesen) verschlechtern sich und die ungerechte Verteilung der Lebensgrundlagen nimmt zu. Die drastischen Folgen des menschengemachten Klimawandels werden teilweise erst erahnt. In all dem zeigt sich, dass die Schöpfung verletzlich ist – und schon zahlreiche Wunden hat. Die Verbundenheit des Menschen mit der Erde ist vor diesem Hintergrund mehr als ein christliches Bekenntnis. Als Teil der Schöpfung überlebt der Mensch mit der Erde. Oder er geht mit ihr unter. Das dürfte angesichts intensiver Hitzewellen, Wasserknappheit und weiterer gehäufter Unwetter und Naturereignisse mittlerweile vielen bewusst geworden sein. Auch unter christlichem Vorzeichen lässt sich eine Heilsgeschichte nicht denken ohne Einbezug der ganzen Schöpfung.
Die biblischen Schöpfungserzählungen vermitteln einen Gedanken, der auch für ein heutiges Weltverhältnis leitend sein kann: Der Mensch, «adam» ist genommen von der Erde, «adama» (Genesisbuch 2,5.7). Als «Erdling» ist er dazu berufen, den Lebensraum Erde zu erhalten und durch sein Tun und Lassen die Schöpfung in ihrem Werden zu bewahren. Der Mensch darf in seinem Handeln darauf hoffen und zählen, dass Gott der Schöpfung seinen Segen zugesprochen hat und ihr zugewandt bleibt. In einem bekannten Gospel-Song klingt dieses Vertrauen so: «He’s Got the Whole World in His Hands» (Er hält die ganze Welt in seiner Hand).
- Vgl. André Flury, Altorientalische Schöpfungserzählungen, auf: https://glaubenssache-online.ch/2025/10/01/altorientalische-schoepfungserzaehlungen/ (25.7.26) sowie Ders., Schöpfung – oder vom Vertrauen in das Gute, auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/08/21/schoepfung-oder-vom-vertrauen-in-das-gute/?highlight=sch%C3%B6pfung (25.7.26).
- Zum Sonnengesang vgl. https://franziskaner.de/der-sonnengesang/ (25.7.26).
- Vgl. Papst Franziskus, Enzyklika Laudato Si’ über die Sorge für das gemeinsame Haus, auf: https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (25.7.26).
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