Was macht den Menschen unverwechselbar? Die christliche Sozialethik antwortet mit dem Prinzip der Personalität: Jeder Mensch ist mehr als Leistung, Nutzen oder Zahl und bleibt im Kern ein Geheimnis.
Prinzipien für eine «grossartige Menschheit»
Im Sommer 2026 veröffentlichte Papst Leo XIV. seine erste Sozialenzyklika mit dem Namen «Magnifica Humanitas». In ihr widmet sich der Papst den aktuellen Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz und ihren Auswirkungen auf die Gestaltung menschlichen Lebens. Sein Plädoyer lässt sich bereits aus dem Titel «Die grossartige Menschheit» erahnen: Technischer Fortschritt beweist seinen Wert nicht in grösstmöglichem Gewinn für eine kleine Minderheit, sondern dann, wenn er dem Menschen in der Entfaltung seiner Fähigkeiten und dem Gemeinwohl dient. Griffig stellt der Papst zur Unterstreichung dieser Aussage zwei Bilder gegenüber: Hier der Turmbau zu Babel, mit dem eine kleine globale Elite Selbstbeweihräucherung betreibt, dort der Wiederaufbau von Jerusalem, der um des Menschen willen geschieht und zugleich Gott ehrt.
Seit Jahren geniessen päpstliche Sozialenzykliken eine grosse Aufmerksamkeit in den Medien und in der globalen Öffentlichkeit. Dies mag auf den ersten Blick sehr erstaunen, allerdings gelten die Päpste – ungeachtet ihrer religiösen Rolle in der katholischen Kirche – vielen Menschen als moralische Autorität: Ihnen traut man zu, dass sie unabhängig von politischen, wirtschaftlichen oder strategischen Interessen das Wohl der Menschheit fördern und globale Missstände anprangern wollen. In ihren Enzykliken adressieren die Päpste daher nicht nur die Bewohner:innen ihres katholischen Hauses, sondern «»alle Menschen guten Willens».
Als Stammvater dieser speziellen päpstlichen Rundschreiben gilt Papst Leo XIII., der 1893 «Rerum novarum» veröffentlicht. Nur wenige Jahrzehnte nach der ersten Blütephase des Manchester-Kapitalismus sind auch dem Papst die «neuen Dinge» – so könnte man rerum novarum passend übersetzen – zu Ohren gekommen, und er äussert sich ausführlich zur «Arbeiterfrage». Spätere Enzykliken handeln von Kommunismus und Faschismus, in unserer Zeit reicht die Bandbreite vom Schutz der Schöpfung (Laudato ‘si von Papst Franziskus) bis hin zu einer kritischen Einordnung von Globalisierung und entfesselter Wirtschaft (Caritas in veritate von Benedikt XVI.).
Der Grundsound der Enzykliken ist in den letzten 130 Jahren erstaunlich ähnlich geblieben. Dies ist ein Resultat der ethischen Grundprinzipien, auf denen sie aufbauen und die letztlich im Evangelium Jesu Christi wurzeln: Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Orientierung am Gemeinwohl und Nachhaltigkeit. Was aber ist mit diesen Prinzipien gemeint, welche christliche Überzeugung drückt sich in ihnen aus? Um diese Fragen zu klären, werden wir uns in einer kleinen Reihe mit den verschiedenen Prinzipien beschäftigen und ihre Bedeutung für die christliche Sozialethik untersuchen. Stellen wir hierfür zunächst die Personalität in den Mittelpunkt, von der in gewisser Weise auch die anderen Prinzipien ausgehen.

Kein Mensch ist eine Insel – aber jeder trägt seinen individuellen Namen
Den Namen aufgeben müssen – eine Nummer auf den Oberarm tätowiert bekommen – nur noch Zahl sein, bis das eigene Leben überzählig wird: Wohl nirgends zeigte sich die Menschenverachtung der Nazis so verdichtet wie in diesem grausamen Detail, das letzte Überlebende der Konzentrationslager bis in unsere Zeit brandmarkt. Die zugeteilte und ins Fleisch eingravierte Nummer macht ein Leben berechenbar und beraubt es zugleich seiner Identität, seiner Biographie, seiner individuellen Persönlichkeit. Eine Nummer hat keine Geschichte.
Dem steht das christliche Denken radikal entgegen. Im Christentum ist jeder Mensch eine Person – und damit ist keineswegs nur eine andere Bezeichnung für «Exemplar der Gattung Mensch» gemeint. Der Begriff Personalität umfasst ein ganzes Bündel an Vorstellungen, die gemeinsam ein dichtes Netz an Überzeugungen ergeben, was der Mensch ist und sein kann.
Befragen wir zunächst ein Lexikon zur Herkunft des Begriffs, werden wir überrascht feststellen, dass wir in der Welt des Theaters landen. Personare ist das lateinische Wort für «hindurchschallen», dabei dürfen wir an Schauspieler:innen denken, die durch ihre Maske eine bestimmte Rolle verkörpern und sie durch Stimme und Gestik beleben. Übertragen wir die Bühnensituation auf unseren Alltag, bedeutet das: Wir nehmen von anderen Personen an, dass sie wie die Schauspieler:innen auf der Bühne Zielsetzungen und Absichten haben, die für sie wichtig sind. Und wir projizieren auf andere Personen Erwartungen von Kontinuität: Von meiner Mutter erwarte ich, dass sie sich morgen genauso ernst mit mir unterhält wie sie dies heute tut; und von einer Bankangestellten, dass sie mich heute genauso respektvoll behandelt, wie sie das gestern getan hat – ansonsten würden wir uns zu recht in einem absurden Theaterstück wähnen!

Menschen als Person zu bezeichnen bedeutet somit, sie als verantwortliche Akteure ihres eigenen Lebens zu schätzen und sie darin vielleicht sogar zu unterstützen. Zu Unterstützen – das verweist bereits auf die weiteren Prinzipien Solidarität und Subsidiarität, die wir uns zukünftig noch genauer ansehen werden. Jedenfalls passt zum bisher Gesagten, dass andere antike Autoren von der «Persona» immer dann sprechen, wenn es um das Angesicht des Menschen geht, das in der sozialen Welt aufscheint. Gleichfalls ist in der Bibel dann von der Person die Rede, wenn sich jemand als individueller Mensch verantworten muss – z.B. vor Gericht (Spr 24,23).
einzigartig – vernünftig – und mehr!
Auch die Philosophie trägt zum christlichen Verständnis von Personalität zentrale Vorstellungen bei. Im 600 Jh. n. Chr. formuliert Boethius folgenden klassischen Satz: «Person ist eine individuelle Substanz von vernunftbegabter Natur». Die philosophischen Horizonte dieses Satzes müssen uns hier nicht weiter interessieren, wichtig sind vor allem zwei Wörter: individuell und vernunftbegabt. Wir reden, wenn wir das Wort Person im Mund führen, immer von dieser oder jenen, aber doch immer einer genau einmaligen, individuellen Person, deren Person-sein wir ihr gerade aus dem Grund der Einmaligkeit nicht absprechen dürfen. Kurz gesagt: Jeder Mensch ist ein Individuum, und das macht ihn automatisch zu einer Person.
Das zweite Wort – vernunftbegabt – ist zugegebenermassen etwas schwieriger zu verstehen und lädt zu Missverständnissen ein. Ist ein Mensch etwa nur dann eine Person, wenn er sich nach allgemeinen Massstäben vernünftig verhält oder vernünftige Sachen sagt? Das wäre hochproblematisch, denn dann dürften beispielsweise an Demenz erkrankte Menschen oder Babys nicht als Person bezeichnet werden, weil sie den Vernunftgebrauch nicht mehr oder noch nicht zeigen. Deswegen ist es so wichtig, das begabt besonders zu betonen. Damit wird verhindert, ausschliesslich den aktiven Gebrauch der Vernunft als Voraussetzung für den Status «Person» zu definieren.
Für Philosoph:innen unserer Epoche fügen dem Denken über Personalität noch einen entscheidenden Dreh – im wahrsten Sinn des Wortes! – bei. Im Gegensatz zu ihren Vorgänger:innen sprechen sie nämlich nicht über Personalität, und die Voraussetzungen, die Menschen zu Personen machen. Sie versuchen vielmehr, aus Sicht einer Person selbst zum Kern dessen zu gelangen, was das Person-sein ausmacht. Ihre Antwort: Es ist das Erfahren von Existenz oder von Dasein, das uns und jeden anderen Menschen zur Person macht.
So können wir als Christ:in mit Überzeugung sagen: Alle Menschen sind von Gott gewollt und von ihm als seine Ebenbilder mit der Gabe der Vernunft beschenkt. Es liegt nicht in unserer Macht, Formen des Vernunftgebrauchs als Mindestmassstab für das Person-sein zu nehmen oder gar Messlatten zu definieren. Vielmehr sollte es in unserem Interesse liegen, allen Menschen eine befriedigende Erfahrung von Existenz zu ermöglichen – im Wissen, dass wir im Einzelnen gar nicht so genau benennen können, was es dafür braucht.
Das ist ein Geheimnis!
Als echter Höhepunkt christlichen Denkens über Personalität ist ein Aspekt zu nennen, der uns direkt zur Gottesfrage führt. Kurz zur geschichtlichen Einordnung: Bei den kirchlichen Konzilen ab dem 4. Jahrhundert wurden die Fragen rund um das «richtige» theologische Verständnis der Dreieinigkeit Gottes immer drängender. Die Theologen der Zeit zerbrachen sich den Kopf darüber, wie man sich vernünftig und nachvollziehbar diesen einen Gott vorzustellen habe, der sich uns auf drei Weisen zugleich zuwendet. Die Lösung war schliesslich, die Dreieinigkeit als eine, einheitliche Substanz 1 zu verstehen, die in drei Personen – «Vater», «Sohn», «Hl. Geist» – erfahren werden kann. Die Formel tres personae, una substantia (lat. für «drei Personen, eine Substanz») versucht zugleich auszudrücken, dass Christ:innen an einen «personalen Gott» glauben. Gott ist nicht irgendwie mit der Natur identisch, sondern er ist auf eine nur ziemlich schwer vorstellbare Art und Weise auch drei Personen. Was sagt ein Theologe, wenn er diesen Sachverhalt vermitteln soll, sich seiner Sache aber nicht ganz sicher ist? «Das ist ein Geheimnis!»
Was damit spassig gesagt wird, hat im Blick auf die Personalität aber sehr ernste Auswirkungen. Geheimnis bedeutet nämlich auch: Etwas ist unberechenbar, nicht auslotbar, nicht erklärbar. Und dies ist doch vielleicht der tiefste Sinn, den das Prinzip der Personalität verdeutlichen möchte. Wenn wir anderen Personen und uns selbst zugestehen, dass uns der innerste Kern der Existenz mit ihren Fragen nach dem Woher und dem Wohin geheimnisvoll verschlossen bleibt, dann verspüren wir vielleicht so etwas wie einen heiligen Schauer 2 im Umgang mit anderen Personen. Können wir als Christ:innen andere Personen manipulieren, ihre Menschenwürde verletzen, strategisch mit ihrem Leib und Leben planen, wenn wir dies mit Blick auf die uns verschlossene Geheimnishaftigkeit unsere eigene Existenz niemals wollen würden? Eben.
Bildnachweise Titelbild: iStock/adamkaz; Bilder 1 und 2: wikicommons, public domain
- Aber Obacht: Damit ist nicht eine Substanz gemeint wie wenn ich von Zahncreme spreche. Im Sinne der klassischen Philosophie Platons ist Substanz zu verstehen als «Trägerin» des Seins.
- Der Sozialphilosoph Hans Joas hat die Entstehung dieses Gedankens sehr anschaulich im Buch «Die Sakralität der Person» nachgezeichnet. Erschienen ist das Buch 2015 bei Suhrkamp.
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