Autokraten richten die Gesellschaft zugrunde und treiben die Welt in Krieg und Elend – das war zu biblischen Zeiten nicht anders als heute. Biblische Propheten(bücher) kritisieren die Diktatoren und Gewaltherrscher ihrer Zeit und fordern Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.
Prophet:innen des Alten / Ersten Testaments sind keine Hellseher:innen. Sie sagen nicht auf übernatürliche Weise offenbarte Zukunft voraus.1 Sie sind vielmehr Gesellschaftskritiker:innen: Sie nehmen soziales, politisches und wirtschaftliches Unrecht deutlich wahr und warnen vor den Folgen von Raffgier, Korruption, Menschenverachtung und verwerflicher Politik von Königen, Hofbeamten, Tempelpriestern und anderen.
So auch Jeremia, der aus Anatot, wenige Kilometer nördlich von Jerusalem, stammte. Das Jeremiabuch beschreibt sein Wirken ab etwa 627 v. Chr. – in einer Zeit, in der das kleine Königreich Juda zwischen den Grossmächten Assyrien, Ägypten und Babylon zerrieben wurde.
Herrschaftskritik
Jeremia kritisiert nicht nur die fremden Herrscher (Jeremia 46–51), sondern vor allem vier aufeinanderfolgende eigene Könige Jerusalems, die in den Jahren 609–587 v. Chr. regierten. Er wirft den Königen Jerusalems mitsamt ihrem Hofstaat, den regimetreuen Propheten sowie den Tempelpriestern soziales Unrecht und Ausbeutung vor. Gegen König Jojakim (609–598 v. Chr.) ist Jeremias Anklage wegen dessen menschenverachtender Selbstbereicherung besonders scharf: «Weh dem, der sein Haus mit Unrecht baut und seine Obergemächer mit Rechtsbruch, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und ihm seinen Lohn nicht gibt» (Jeremia 22,13).2 «Deine Augen und dein Herz sind auf nichts gerichtet als auf deinen Gewinn, auf unschuldiges Blut, um es zu vergiessen, auf Bedrückung und Erpressung» (22,17). – «Nichts Neues unter der Sonne» (Kohelet 1,9), ist mensch versucht zu sagen, bei all den verbrecherischen Präsidenten, die heute wieder weltweit an der Macht sind.3
Verbrecher und Mörder
Dabei sollten die Könige gerade den Schwächsten Recht sprechen und Schutz zukommen lassen, doch sie versagen komplett. Jeremia kritisiert ihre Prunksucht und ihre Selbstüberhebung. Die Könige brechen noch und noch ihre Versprechen. Damit brechen sie gemäss Jeremia auch mit Gott – denn Gott steht für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit (9,23) und verlangt dies auch von den Königen und der Rechtsprechung: «Übt Recht und Gerechtigkeit … Den Fremden, die Waise und die Witwe bedrückt nicht … und unschuldiges Blut vergiesst nicht!» (22,3) Ganz anders das Verhalten von König Jojakim. Er lässt Oppositionelle verfolgen und beseitigen: Die Schriftrolle Jeremias lässt er verbrennen und Jeremia und Baruch suchen (36,20-26). Den Propheten Urija lässt er bis nach Ägypten verfolgen, zurückholen und umbringen. Seinen Leichnam lässt er auf die Gräber des einfachen Volkes werfen (26,20-23).
Verdorbene Tempelpriester
Nebst den Königen macht Jeremia auch falsche Propheten und Tempelpriester für die missliche Lage in Juda verantwortlich: Die Tempelpriester fragen gemäss Jeremia nicht nach Gott und kennen Gott nicht, obwohl sie die Tora verwalten (2,8). Sie herrschen nach eigenem Gutdünken (5,31). Gemeinsam mit den falschen Propheten beschwichtigen sie das Volk mit «Friede, Friede!», wo kein Friede ist (6,13-14). Sie sind auf Gewinn aus, betrügen und verüben selbst im Tempel ihre Bosheiten (23,11). Statt das Recht zu schützen, fördern sie ein falsches Vertrauen in Tempel und Opfer (vgl. die Tempelrede in 7,1–8,3). Aufgrund seiner Kritik wird Jeremia vom Tempelaufseher Paschhur misshandelt (20,1-2) und von Priester mit dem Tod bedroht (26,8-11).
Regimetreue Lügen-Propheten
Besonders scharf kritisiert Jeremia regimetreue Propheten, die den Mächtigen nach dem Mund reden. Exemplarisch dafür steht Hananja, der ebenso wie Jeremia im Namen Gottes auftritt, aber das Gegenteil von Jeremia verkündet: Hananja sagt, die nach Babylon Verschleppten würden und lässt so das Volk gemäss Jeremia auf ein Lügengebilde vertrauen (28,2-15). Vermutlich war Hananja ein Vertreter einer starren Zions-Theologie: Nach dieser Überzeugung schützt Gott seine Stadt Jerusalem und seinen Tempel unter allen Umständen, war doch Jerusalem 701 v. Chr. von den Assyrern auch nicht zerstört worden (2 Könige 18,13–19,37; Jesaja 36–37). Hananja bestärkte damit die Kräfte, die auf eine Rebellion gegen Babylon setzten.
Doch das Jeremiabuch und andere Prophetenbücher knüpfen das Wohlergehen der Stadt Jerusalem und des jüdischen Volkes an ihr rechtes Verhalten: Für Jeremia ist die Heilsbotschaft in jener Stunde daher Lüge, hebräisch šeqer – ein Leitwort im Jeremiabuch. Hananjas Heilsbotschaft ist falsch, weil sie soziale Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, Vertragsbrüche und Ausbeutung übertüncht statt kritisiert.

Verlogene Aussenpolitik
Besonders gravierende Folgen hatte das aussenpolitische Fehlverhalten von König Jojakim: Juda war seit 605 v. Chr. unter die Vasallenschaft der neuen Weltmacht Babylon geraten. Doch Jojakim wandte sich um 601 v. Chr. von den Babyloniern ab und den Ägyptern zu. Er brach damit seinen Vasallenvertrag. Als Folge dessen eroberte der babylonische König Nebukadnezzar II. (605–562 v. Chr.) Juda 597 v. Chr. und belagerte Jerusalem. Jojakim starb während der Belagerung. Sein Sohn Jojachin kapitulierte vor Nebukadnezzar, womit er die Zerstörung Jerusalems verhindern konnte.
Nebukadnezzar erbeutete die Schätze des Tempels und des Palastes. Er setzte keinen Sohn von Jojakim mehr als Vasallenkönig ein, sondern dessen Bruder Mattanja, einen Sohn Joschijas. Nebukadnezzar demonstrierte seine Macht, indem er diesem einen neuen Namen gab: Zidkija – «Gott ist meine Gerechtigkeit». Der abgesetzte Jojachin sowie «alle Vornehmen und alle wehrhaften Männer» Jerusalems wurden ins Exil nach Babylon verschleppt (22,24-30; 2 Könige 24,1-17). Auch der Prophet Ezechiel war unter diesen ersten Exilierten.
Depressionen
Durch sein Engagement für Gerechtigkeit, Transparenz und Frieden erlebt Jeremia Anfeindung und Verfolgung: Der neue König Zidkija ist wankelmütig und schwach. Einerseits sucht er mehrfach bei Jeremia Rat (37,3.17), andererseits lässt er Jeremia einsperren (32,2f; 37,21) und liefert ihn seinen Hofbeamten aus: Diese brandmarken Jeremia als Armeegegner und Staatsfeind und versenken Jeremia in den Schlamm einer Zisterne, wo Jeremia vor Hunger umzukommen droht (38,5-9). Als besonders hart erlebt Jeremia auch, dass ihn selbst Männer seines Heimatortes Anatot umbringen wollen (11,21) und seine nächsten Verwandten ihn ablehnen (12,6).
Das führt bei Jeremia zu tiefen Depressionen, die in den sogenannten Konfessionen (Klagegebeten) des Jeremiabuchs in beeindruckender Ehrlichkeit beschrieben werden: Jeremia verzweifelt an sich, an der Menschheit und an Gott. Er verflucht den Tag seiner Geburt und wirft Gott vor, ihn betört und getäuscht zu haben (15,18; 20,7–18). Mehrfach schreit Jeremia zu Gott um Rache gegen seine Feinde (11,20; 15,15). Doch von Gott erhält er die Antwort: «Wenn du Edles redest und nicht Gemeines, darfst du wieder mein Mund sein. Sie sollen zu dir umkehren, nicht du zu ihnen» (15,19). Jeremia soll sich also seinen Feinden nicht gleichmachen. Und so hält Jeremia an seinem Gott fest und verkündet dessen Willen zu Frieden und Gemeinwohl – allen Anfeindungen zum Trotz.
Erneuter Vertragsbruch
Auch aussenpolitisch hatte König Zidkija nichts aus der Katastrophe seines Vorgängers Jojakim gelernt (52,1-30): Zidkija war vom babylonischen König Nebukadnezzar eingesetzt worden. Wie üblich musste Zidkija einen Vasalleneid leisten. Gesandte aus Edom, Moab, Ammon, Tyrus und Sidon kamen jedoch zu Zidkija nach Jerusalem, offenbar um einen gemeinsamen Aufstand gegen Babylon zu planen (27,3). Jeremia riet dringend davon ab (27,12). Doch auch Zidkija hörte nicht auf ihn, sondern setzte wie Jojakim auf die Hilfe Ägyptens (37,5–7). Damit brach er seinen Vasalleneid gegenüber Nebukadnezzar. Ein Eid wurde damals unter Anrufung des je eigenen Gottes geschlossen und daher kam ein Eidbruch auch einem Bruch gegenüber dem eigenen Gott gleich (Ezechiel 17,18–19; 2 Chronik 36,13).

Zusammenbruch – Babylonisches Exil
Die Folgen des Eidbruchs durch Zidkija waren fatal: 587 v. Chr. eroberten die Babylonier Jerusalem nach langer Belagerung erneut. Diesmal zerstörten sie Stadt und Tempel vollständig. Zidkijas Söhne wurden vor seinen Augen hingerichtet, er selbst geblendet und in Ketten nach Babylon verschleppt – zusammen mit zahlreichen weiteren Menschen aus Jerusalem und Juda (52,4-30).
Die Bedeutung des babylonischen Exils (597–539 v. Chr.) kann kaum überschätzt werden – selbst das Neue Testament teilt den Stammbaum Jesu noch in die Zeit vor und nach der «Babylonischen Gefangenschaft» ein (Matthäus 1,12.17). Der Verlust des Tempels, des Wohnsitzes Gottes, mitsamt der Priesterschaft war eine tiefe religiöse Erschütterung. Der Verlust der Eigenstaatlichkeit und des Königtums war eine politische Katastrophe. Die Zionstheologie, gemäss der Gott auf ewig im Jerusalemer Tempel wohnt und die davidische Königsdynastie Bestand haben lässt, war auf einen Schlag widerlegt. Nach rund 400 Jahren Daviddynastie stand Jerusalem ab 587 v. Chr. für mehrere Jahrhunderte – bis ins 2. Jh. v. Chr. – unter Fremdherrschaft und war ohne Königtum.
Zukunftshoffnung
In dieser katastrophalen Situation seines jüdischen Volkes bleibt Jeremia beziehungsweise das Jeremiabuch nicht bei der Anklage stehen. Das wird zum Ausdruck gebracht, indem Jeremia schon bei seiner Berufung einen Mandelzweig (hebräisch šaqed) sieht, der mittels einer Wortanspielung gedeutet wird: Gott wacht (šoqed) über seinem Wort. Jeremia soll als Prophet der Völker nicht nur niederreissen, sondern auch aufbauen und pflanzen (1,10-12). Ebendies wird auch von Gott erwartet (31,28). Den Verschleppten in Babylon schreibt Jeremia einen Brief: Sie sollen das Wohl der Stadt Babylon suchen, denn Gott habe «Gedanken des Friedens» und wolle ihnen «Zukunft und Hoffnung» geben (29,7.11). Im sogenannten «Trostbüchlein» (30–33) wird schliesslich ein neuer Bund verheissen: Gott wird seine Weisung (Torah) nicht mehr auf Steintafeln schreiben, sondern in die Herzen der Menschen (31,31-34).
Es bleibt auch für unsere heutige Zeit zu hoffen, dass weltweit wieder mehr Regierungen an die Macht kommen, die Gedanken des Friedens sowie Zukunft und Hoffnung für alle Menschen im Sinn haben.

- Vgl. André Flury: Biblische Prophet:innen – Gottes Stimme(n), auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/02/20/biblische-prophetinnen-gottes-stimmen/ [25.9.2026]
- Die Stellenangaben in Klammern beziehen sich im Folgenden, wenn nicht anders vermerkt, alle auf das Jeremiabuch.
- Vgl. Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten, Siedler Verlag, München 2024.
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