Kirche – Sinnbild und Urbild

Wahrscheinlich ist nichts am christlichen Glauben so umstritten wie das Thema «Kirche». Wollte Jesus überhaupt eine Kirche und wenn ja, wie sollte sie aussehen? Hat sich Kirche mit ihrer Geschichte nicht längst selbst ad absurdum geführt? Und brauche ich persönlich für meinen Glauben eine Kirche? Die Auseinandersetzungen um diese und andere Fragen haben die Geschichte des Evangeliums von Anfang an begleitet.

Merkmale und Grundaufgaben der Kirche

Was also macht die Kirche aus? Ein Blick in die Bibel zeigt: Auch wenn die Gestalt der Kirche sich erst langsam entwickelte, so scheint es für die Männer und Frauen, die Jesus und die Auferstehung erlebt haben, doch eins immer klar gewesen zu sein: Wir bleiben zusammen und tragen weiter, was wir mit Jesus erlebt haben. Und sie suchten nach Wegen, um das, wofür Jesus gelebt hat, und das, was er ihnen bedeutet, wach zu halten und zu fördern. Es kristallisierten sich so Merkmale, Kennzeichen, Grundaufgaben einer christlichen Gemeinde oder Kirche heraus. In der Apostelgeschichte zeichnet Lukas ein Idealbild der jungen Kirche bzw. der christlichen Gemeinden. Er weiss natürlich, dass es auch in den ihm bekannten Gemeinden nicht immer so ideal zu und hergeht. Aber er meint, so sollte es in der Kirche Jesu Christi, also jeder christlichen Gemeinde sein. Und er nennt deshalb vier Merkmale, Kennzeichen und Grundaufgaben der Kirche.

«42 Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. 43 Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. 44 Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. 45 Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. 46 Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. 47 Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und Gott fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten» (Apostelgeschichte 2,42-47).

Verkündigung

Da ist zunächst das Festhalten an der Lehre der Apostel genannt. Kirche muss treu bleiben zum Ursprung, zur Botschaft Jesu vom Reiche Gottes. Sie muss diese Botschaft weitertragen. Das erste Merkmal einer christlichen Kirche ist deshalb die Verkündigung (der Reich-Gottes- Botschaft Jesu). Sie kann es sich nicht aussuchen, in einem doppelten Sinn: Sie kann sich nicht aussuchen, ob sie die Botschaft weitersagen will. Es ist ihre Aufgabe, von der Provokation, der befreienden Kraft, dem Trost der Botschaft Jesu anderen Menschen zu erzählen. «Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!», sagt Paulus (1 Korinther 9,16). Das ist seine ureigenste Aufgabe, seine «Mission». Kirche ist deshalb immer missionarisch. Davon spricht auch der obige Text. Menschen werden für das Evangelium gewonnen. Und Kirche kann sich nicht aussuchen, was sie verkündigen will. Sie kann über die «Lehre der Apostel», den Schatz des Evangeliums, nicht verfügen. Sie muss weitersagen, was in und durch Jesus begonnen hat. Auch dort, wo es nicht gerne gehört wird, wo es für sie selbst und die Hörer(innen) unbequem oder irritierend ist.

Liturgie und Gebet

Als zweites werden das Brechen des Brotes und das Gebet genannt. Was die Glaubenden verkünden – das Reich Gottes –, darum sollen sie auch beten und das sollen sie in Ritualen und Sakramenten symbolisch feiern. Dies gibt ihnen Kraft, im Alltag danach zu leben und zu handeln.

In beidem, im Brechen des Brotes und im Beten, bleiben sie auf der Spur Jesu. Wenn die Glaubenden das Brot brechen, dann erinnern sie sich all jener Gelegenheiten, in denen Jesus das Brot geteilt hat – mit Pharisäern, mit Zöllnern und Sündern, mit seinen Jüngern beim «letzten Abendmahl», mit den Jüngern von Emmaus. Sie erfahren und feiern, dass der Auferstandene lebt. Mitten unter ihnen. Im gebrochenen und geteilten Brot ist Jesus selber am Werk. Nicht im gekauften Brot, welches die einen im Überfluss haben und die andern sich nicht leisten können. Wer das Sakrament des gebrochenen Brotes feiert, wer also gemeinsam mit andern im Geiste Jesu das Brot bricht, der findet sich nicht ab mit dieser unheilen Welt. Der ersehnt sich eine gerechte Welt, in der das Brot, das Lebensnotwendige, mit allen geteilt wird. Das Ritual, das Sakrament feiert vorweg diese versöhnte Wirklichkeit, in der Gottes Reich zum Vorschein kommt. Und es ermutigt uns Mitfeiernde, im Alltag auf eine solche Welt hinzuarbeiten.
Und wenn sie wie Jesus und mit den Worten Jesu (im «Unser-Vater») beten, dann lassen sie sich innerlich immer wieder neu ausrichten auf die Botschaft und den Weg Jesu. Beten und Feiern, die Liturgie ist deshalb ein unverzichtbares Merkmal der Kirche

Diakonie

Lukas zeichnet ein Ideal, in dem die Glaubenden Hab und Gut mit all jenen teilen, die es nötig haben. Und zwar gerade nicht nur mit Menschen in den eigenen Reihen, sondern mit den Armen, Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen ausserhalb und überall. Dieses Merkmal einer christlichen Gemeinde heisst Diakonie. Und es ist wohl nicht zufällig, dass gerade sie in der Mitte des zitierten Textes steht, denn es geht hier um ein zentrales Anliegen von Jesu Reich-Gottes-Praxis. Die Diakonie zielt letztlich auf eine gerechtere Verteilung der lebensnotwendigen Güter weltweit. Es geht ihr um eine gerechtere Wirtschaftsordnung und damit um eine versöhntere Welt. Sie ist eine Herausforderung für jede/n und für unsere Gesellschaft als Ganze: Wie gehen wir mit jenen um, die sich nicht selber helfen können?

Gemeinschaft

Gleich dreimal ist die Rede davon, dass die Glaubenden eine Gemeinschaft bilden. Es steht am Anfang, in der Mitte und am Ende des Textes. Offenbar ist Gemeinschaft ein besonders wichtiges Merkmal der Kirche. Aber sie ist kein Merkmal neben den erstgenannten. Vielmehr lassen sich die ersten drei Merkmale der Kirche nur in Gemeinschaft realisieren:

Keine(r) verkündet den eigenen Glauben, sondern die «Lehre der Apostel», d.h., was andere vorher verkündet haben. Keine(r) feiert für sich allein, vielmehr macht das Teilen des Brotes in der Erinnerung an das Handeln Jesu nur Sinn in einer Gemeinschaft. Und keine(r) dient für sich allein, sondern gemeinsam stehen die Glaubenden ein für eine versöhntere und gerechtere Welt. Deshalb ist diese Gemeinschaft Geschenk. Sie entsteht durch die gemeinsame Lehre, das gemeinsame Feiern und Beten und den gemeinsamen Dienst an den Armen.

Dies meint eine doppelte Herausforderung:
Zum einen: Keine(r) kann für sich alleine glauben. Glaube ist immer eine persönliche Entscheidung, aber nie eine Privatangelegenheit. Den Glauben empfangen und weitergeben, das Geheimnis Gottes feiern im Teilen des Brotes, der Dienst an den Armen braucht den persönlichen Einsatz eines Menschen. Er kann sich darin aber nie erschöpfen.
Zum anderen: Gerade dieser «öffentliche» Charakter des Glaubens betrifft immer auch seine Glaubwürdigkeit. Was die christliche Kirche in der Diakonie gegen aussen wirkt und fordert, was sie in der Verkündigung bezeugt und was sie in der Liturgie feiert, das muss sie in den eigenen Reihen konkret verwirklichen. Diese vier Merkmale sind Grundaufgaben der Kirche. Nur wo sie alle vorhanden sind, handelt es sich um christliche Kirche im vollen Sinne.

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