Kosmischer Christus – Body of God

Es ist ein altes biblisches Bild, das etwas in Vergessenheit geriet. Das Lied vom kosmischen Christus aus dem 1. Jahrhundert betont Gottes Präsenz im weiten Raum der Schöpfung und spricht vom All als Körper bzw. Leib Christi. Im Kontext der gegenwärtigen ökologischen Krise stellt sich die Frage, ob das Bild mögliche Ansatzpunkte für eine Schöpfungsspiritualität bietet, die zu nachhaltigem Handeln motiviert.

Ein Christushymnus

Das Bild von Christus, der das ganze All umfasst, steckt in einem Text, der nicht so sehr Reflexion, sondern vielmehr Gebet und Lobpreis ist. Der sogenannte Christushymnus findet sich im Brief an die Gemeinde in Kolossä (heute Türkei) und gehört zu den ältesten christlichen Texten.1 Der Text besingt Christus und überrascht durch die kosmische Dimension: die ganze Menschheit, ja das ganze All gehört Christus – er ist inmitten von allem gegenwärtig.

«Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften, oder Mächte oder Gewalten;
es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes». (Kolosserbrief 1,16-18a / Lutherbibel 1984)

Eine durchaus gewagte Behauptung angesichts der Tatsache, dass erst zwei oder drei Jahrzehnte vergangen sind seit der öffentlichen Hinrichtung dieses Jesus von Nazareth.

Schöpfungsmystik

Der Christushymnus spricht in Kategorien des Raums, was ungewohnt ist für einen Text, der vom Judentum geprägt ist, das wiederum stark geschichtlich denkt. In der Weite des Universums wie auch in jedem kleinen Ding, ja in allem, was ist, kann Christus gesehen und berührt werden. Denn dass Christus vor allem ist, wie Vers 17 betont, ist nicht nur zeitlich oder als Vorrangstellung – Vers 15 nennt Christus den Erstgeborenen der Schöpfung – zu lesen. Es meint auch, dass Christus alles durchdringt.2 In allem, was ist, kommt uns Christus entgegen. Es ist ein mystischer Text.

Der Hymnus skizziert die Welt nicht als profane Schöpfung, die einem transzendenten Gott gegenüber¬gestellt und unterstellt ist, sondern betont Gottes Nähe und den sakramentalen Charakter der Wirklichkeit. Gott ist inwendig. Bäume, Wolken, Tiere und Atome, die belebte wie auch unbelebte Natur ist mehr als besitz- und benutzbare Materie. Alles ist durchatmet und Teil eines organischen Ganzen, das auf Shalom, auf Friede und Einssein, angelegt ist. Wie der Blick auf den kosmischen Christus die Welterfahrung verändern kann, beschreibt Dorothee Sölle:

«In einer zersplitterten, zusammenhanglosen Welt zerfallen mir die Erfahrungen meines Lebens oft, sie zerbröckeln. In Christus haben sie Zusammenhang, sie rufen nach mir, sie verlocken mich zur Teilnahme am Prozess der Schöpfung.»3

Weisheitliche Traditionen

Der Christushymnus ist in seiner ursprünglichen Form ein Weisheitslied. Er gehört zu jener frühen Tradition,4 die Jesus mit der Figur der Weisheit in Verbindung bringt, die im nachexilischen Judentum als Mitschöpferin und Anfang aller Dinge gepriesen wird. Sie vermittelt zwischen Gott und der Schöpfung, wie auch der kosmische Christus. Die weisheitliche schöpfungsfreundliche Tradition verbreitete sich in den ersten Jahrhunderten in Europa durch die iroschottische Kirche und das keltische Christentum. Die lutherische Pfarrerin Brigitte Enzner-Probst schreibt dazu:

«Für Brighid von Kildare (451-523) ist Christus der <Herr der Elemente>. Er ist inmitten der ganzen Schöpfung gegenwärtig. Alles ist vom Ursegen der göttlichen Liebe durchzogen – trotz aller Unwetter, Dürrezeiten und Krankheit.»5

Deckenfresko „Die heilige Weisheit“, Schloss Rosenau, Waldviertel, Österreich

In den irischen Segenssprüchen ist bis heute etwas von dieser Lebensfreundlichkeit spürbar. Der Gedanke, dass Gott in Christus Mensch wurde und sich in der Schöpfung verkörpert, die Inkarnationstheologie, hatte jedoch auch eine negative, leibfeindliche Wirkungsgeschichte. Die «Fleischwerdung Gottes, die sich als Erlösung für die Körper erwiesen hat, wurde schon bald in einen Kampf gegen den Körper umgestaltet.»6 Im Kontext eines hierarchischen Seinsverständnisses las man in der Spätantike die Inkarnation des Logos als Abstieg und es ging hauptsächlich darum, sich mit Christus aus den Niederungen zu erheben. Trotzdem hielt sich die weisheitliche Schöpfungsspiritualität noch bis ins 12. Jahrhundert. So weist Hildegard von Bingen (1098-1197) auf die Grünkraft hin, die in allem wirkt und lässt die schöpferische Gottheit sprechen:

«Ich, die höchste und feurige Kraft, habe jedweden Funken von Leben entzündet… Ich, das feurige Leben göttlicher Wesenheit, zünde hin über die Schönheit der Fluren, ich leuchte in den Gewässern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit jedem Lufthauch, wie mit unsichtbarem Leben, das alles erhält, erwecke ich alles zum Leben.»7

Body of God

Interessanterweise wird das Bild von der Welt als Körper Gottes aktuell wieder aufgegriffen. Die nordamerikanische Theologin Sallie McFague sieht in der Metapher grosses Potential in Zeiten des Klimawandels.8 Das Modell sei anschlussfähig an den «Materialismus» der Naturwissenschaften – alles, was ist, ist verkörpert und abhängig – und fähig, auf die ökologische Krise zu reagieren, die zugleich eine soziale Krise sei, da die Zerstörung der Lebensgrundlagen die Ärmsten in besonderer Weise treffe.

«Das Modell der Welt als Body of God könne […] die Weltbeziehung zeitgemäss revolutionieren: Es ordnet die Menschen ein in das Geflecht des voneinander abhängigen, gleichberechtigten Seins. Es versinnbildlicht Gottes Betroffenheit von der Welt und wahre zugleich die Transzendenz Gottes.»9

Vor allem aber bringt die Metapher vom Körper Gottes den Raum in die Theologie zurück. Rettung und Erlösung kann heute nicht an der Natur, an der materiellen Welt vorbei und bloss zeitlich gedacht werden. «Erlösung sei keine Sache von einst und irgendwann, sondern Erlösung im Raum und des Raums.»10 Heute ist die entscheidende Frage des Schöpfungsglaubens, so Sallie McFague, wo Gott ist und welches unser Platz ist. Body of God ist ein hilfreiches Modell, die Welt-Gott-Beziehung neu zu denken. Stell dir vor, alles was ist, ist Gottes Körper und handle dementsprechend.

  1. Der Ausdruck «der kosmische Christus» kommt erst Anfang des 20. Jahrhunderts auf; eine wichtige Rolle spielte dabei der französische Jesuit Teilhard de Chardin (1881-1955). Zum Hymnus vgl. u.a. Ulrich Luz: Bild des unsichtbaren Gottes – Christus. Der Kolosserhymnus (Kol 1,15-20), in: Bibel und Kirche 63 (2008), S. 17.
  2. Vgl. Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand. Bibelarbeit zu Kolosser 1,15-23, in: Dorothee Sölle/Luise Schottroff: Die Erde gehört Gott. Texte von Frauen zur Bibelarbeit, Reinbek bei Hamburg 21986, 106-118, hier 110.
  3. Dorothee Sölle: Mystik, S. 111.
  4. Dazu gehören der Christushymnus im zweiten Kapitel des Philipperbriefs und der Prolog im Johannesevangelium: «Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.» (Johannesevangelium 1,3)
  5. Brigitte Enzner-Probst: Die weibliche Seite der Schöpfung, in: Bibel und Kirche 76 (2021), S. 36-41, 37. Enzner-Probst Artikel handelt von den zwei Christianisierungsströmen Europas, vom keltischen und lateinischen, die sich durch ihr Schöpfungsverständnis und die Struktur kirchlicher Macht unterschieden. Schon im 7. Jahrhundert setzte sich die lateinische Kirchenkultur durch.
  6. Doris Strahm: Das Seufzen der Natur und unser Seufzen – Schritte zu einer ökofeministischen Theologie.
    Vortrag vom 14. September 1999 in der Titus-Kirche Basel, S. 9, auf: https://www.dorisstrahm.
    ch/Strahm_004.htm (Zugriff 11.12.2021)
  7. Hildegard von Bingen, zit. nach Otto Betz: Hildegard von Bingen, München 1996, S. 14f.
  8. Vgl. Die Diskussion des Ansatzes von McFague bei Katrin Bederna: Every day for future. Theologie und religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung, Ostfildern 22020, S. 173ff.
  9. Katrin Bederna: Every Day, S. 175.
  10. Katrin Bederna: Every Day, S. 177.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Christus-Statue in Rio de Janeiro. Stock. / Bild 1: Wassertropfen. Himmel und Erde. Unsplash@louis_mna / Bild 2: Deckenfresko „Die heilige Weisheit“ mit Gesichtszügen von Maria Theresa von Österreich. Schloss Rosenau, Waldviertel, Österreich. Wikimedia Commons@Wolfgang Sauber / Bild 3: Replik der Christus-Statue (1838) von Bertel Thorvaldsen. Sie befindet befindet sich im Besucherzentrum Temple Square North der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Salt Lake City, Utah. Im Hintergrund eine Darstellung des Kosmos. Wikimedia Commons

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