Kamele und Nadelöhre: Beruf und Arbeit aus christlicher Perspektive

Sie gehen an einen Apero, bei dem Sie noch niemanden kennen. Beim Wein kommen Sie mit sympathischen Leuten ins Gespräch und unterhalten sich über die neuesten Schlagzeilen, das Wetter, das schöne Restaurant, in dem Sie sich befinden. Unweigerlich steuert das Gespräch nach kurzer Zeit auf die Sphäre der Arbeit zu: «Und, was machen Sie beruflich?». Wohl dem, der darauf eine achtenswerte Antwort hat! Eine verantwortungsvolle, kreative (aber bitte nicht zu sehr!), gut bezahlte Tätigkeit sorgt voraussichtlich für reichlich Gesprächsstoff, ein sozialer Beruf mindestens für Mitleid («Ich habe grossen Respekt vor Ihrem Job, andere Menschen pflegen könnte ich nicht!»). Vorsichtig versteckter Neid ist garantiert, wenn Sie erklären, dass Sie von ihrem selbst erarbeiteten oder gar ererbten Vermögen leben…

Was wir an diesem kleinen Beispiel sehen können: Die Arbeitswelt ist heute tief mit unserer Identität verbunden. Durch keine Information meinen wir so viel über uns selbst wie über unsere Mitmenschen zu erfahren, wie durch die Berufswahl. In der Gesellschaft definiert sie Wert und Ansehen, sie markiert körperliche und geistige Fähigkeiten, den individuellen Erfolg im Leben, den Status in der sozialen Welt. Ein Beruf ist dabei viel mehr als Arbeit. Arbeiten müssen wir, aber einen Beruf ergreifen wir – wie ein Kleidungsstück – aus eigener Wahl. Wir ziehen es an, und es verschmilzt mit uns, wird zu unserer persönlichen Facette. Beruf ist Berufung.

Welche Licht- und Schattenseiten hat aber diese Verschmelzung von Identität und Beruf? Auf der Lichtseite steht klar der Gewinn von Autonomie. Den Beruf ergreifen wir (heute) eben nach eigener Wahl und Vorstellung – und wir hoffen, dass sich der Beruf als zu uns passend erweist. Wir nehmen dafür möglicherweise lange Ausbildungswege in Kauf und sind schliesslich stolz, wenn sich an den Beruf eine erfolgreiche Karriere anschliesst. Sollte sich nach einigen Jahren zeigen, dass der Beruf nicht mehr zu uns passt – uns wie ein Kleidungsstück zu klein geworden ist – dann ist es völlig normal geworden, sich neu zu orientieren.

Auf der Schattenseite steht, dass die Vermischung von Identität und Beruf falsche Signale aussenden kann. Denn mit einigen Berufsarten haben sich bestimmte charakterliche Vorstellungen verbunden, die wir automatisch auf die entsprechenden Berufsleute projizieren. Wenn sich uns eine Steuerfachfrau vorstellt, schliessen wir sogleich auf einen eher pedantischen, zahlenfixierten Charakter. Beim Wirt einer Beiz auf einen leutseligen Menschen, der gerne ein Gläschen hebt («Wer nichts wird, wird Wirt!»). Bei einer Polizistin auf eine Person, der Recht und Ordnung wichtig ist.

Wahlfreiheit – Für viele eine schwere Bürde

Viel schwerer wiegt allerdings, dass mit der freien Berufswahl ein nicht geringer gesellschaftlicher Druck verbunden ist: Denn es wird erwartet, dass die Menschen diese Freiheit ausgestalten und einen Beruf erlernen und ausüben, auf den ihr Charakter und ihre Fähigkeiten zugeschnitten sind. Irritiert reagieren wir, wenn sich das Muskelpaket aus der Nachbarschaft als sensible Pflegefachperson entpuppt oder sich die Juristin trotz Bestnoten für die Hausarbeit entscheidet und nach ihren Kindern schaut.

Nicht zuletzt versuchen die staatlichen Organisationen durch allerhand Instrumente – Schul- und Hochschulwesen, Duale Ausbildungen, AHV, … – zu steuern, dass die Menschen gesellschaftlich relevante Berufe schmackhaft finden und es sich gar nicht erst gemütlich in der «sozialen Hängematte» machen. Es erstaunt daher nicht, dass die Wahlfreiheit hinsichtlich der beruflichen Orientierung von vielen Menschen als grosse Bürde empfunden wird. Gelingt es mit dem angestrebten Beruf tatsächlich, die persönlichen Charakterzüge zu zeigen oder weiterzuentwickeln? Lässt sich mit ihm eine erfolgreiche Karriere aufbauen, an deren Ende ein sorgloser Ruhestand winkt? Entspricht er den eigenen Fähigkeiten und Zielsetzungen? Wenn in den Medien immer wieder vom angespannten Verhältnis der «Gen Z», also der heute jungen Erwachsenen, zur Arbeitswelt gesprochen wird, dann deshalb: Weil viele vor den immensen Wahlmöglichkeiten innerlich kapitulieren.

Die Geschichte der Arbeit ist eigentlich eine Geschichte der Mühsal

Diese freien Wahlmöglichkeiten in Verbindung mit gesellschaftlichen Erwartungen und staatlichen Steuerungen sind in der Menschheitsgeschichte allerdings absolut neue und zuvor ungekannte Entwicklungen; Arbeit war früher (und ist es wohlgemerkt auch heute noch in vielen Weltteilen!) für die weit überwiegende Mehrheit eine schlichte Notwendigkeit, um das eigene Überleben zu sichern. Sie war nie ein Ort der individuellen Selbstverwirklichung, gar der Berufung, sondern des täglichen Kampfes gegen Hunger und Not; mit dem lebenslangen kräftezehrenden Aufwand, dem Boden und der Umwelt Nahrung zu entreissen. Arbeit – nicht der Beruf – prägte die Menschheitsgeschichte.

So konstatiert die Bibel ganz an ihrem Anfang nüchtern, dass mit der menschlichen Existenz die Notwendigkeit einhergeht, für den eigenen Lebensunterhalt «im Schweisse [des] Angesichts» (Genesis 3,19) sorgen zu müssen. Nomadische Lebensweise, später Feld- und Viehwirtschaft, Jagd, einfache Handwerkstätigkeiten – das waren die «Berufe», die über Jahrtausende das Überleben der normalen Leute sicherten. Die männlichen Nachkommen führten die Tätigkeit des Vaters weiter, und übernahmen dafür seine Kenntnisse und sein Werkzeug. Eingebettet war dieses Arbeiten in ein kompliziertes gesellschaftlicher Machtsystem der Abhängigkeiten: Gegenüber dem Landbesitzer oder dem Dienstherren, gegenüber dem Meister oder eben dem eigenen Vater. Wer dabei versagte oder sich als nicht tauglich erwies, konnte – auch in Europa – bis Ende des 19. Jahrhunderts auf keinerlei auffangendes soziales Netz ausserhalb mildtätiger (kirchlicher) Einrichtungen vertrauen.

In dieser Welt der relativ ausweglosen Kontinuität und Beständigkeit – in der die Entwicklung neuer Arbeitstechniken wesentlich länger dauerte als heute – gab es keine Berufswahlmöglichkeiten im heutigen Sinne, wohl aber gesellschaftliche akzeptierte Alternativen. Man konnte als Söldner zum Militär gehen, man konnte auf einem Schiff anheuern. Beides wohlgemerkt nicht gerade ungefährliche Alternativen!

Französisch-venezianischen Truppen, die Schweizer Söldner und deutsche Landsknechte in der Schlacht von Marignano 1515 zurückschlagen, 16. Jh. n. Chr.

Jesus hält der Arbeitswelt kritisch den Spiegel vor

Schief angesehen wurden dagegen zu allen Zeiten die Aussteiger oder «Drop Outs» – also Menschen, die die Arbeits- und Berufswelt verlassen und ihr durch ihr Beispiel einen kritischen Spiegel vorhalten. Genau besehen ist auch der Gott des Christentums ein solcher Aussteiger. Jesus hat die längste Zeit seines Lebens – je nach Rechnung wohl 15-20 Jahre – als tekton (griechisch für «Bauhandwerker») gearbeitet, doch dann steigt er überraschend aus und es beginnt seine 1-3 jährige «messianische Phase», die wir aus den Evangelien kennen. Stellen Sie sich kurz vor, Sie wohnen in einem kleinen Dorf irgendwo in der Schweiz, wo jeder jeden kennt. Die örtliche Baufirma «Joseph & Söhne» wird von allen engagiert, die ein neues Haus bauen oder ein Altes renovieren lassen wollen. Am Sonntag gehen Sie in die Kirche und plötzlich steht vor dem Portal einer der Söhne Josephs und schwingt religiöse Reden über ein kommendes «Reich Gottes». Hand aufs Herz: Werden Sie diesen Sohn Josephs für voll nehmen? Eben.

Dass die Menschen seiner Heimat seine «Neuorientierung» nicht akzeptieren können, beklagt Jesus bitterlich: «Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.» (Markusevangelium 6,4) So angegriffen ist er, dass er nicht einmal mehr «Machttaten» tun kann…

Bleiben wir nun bei Jesus stehen, denn sein Vorbild und seine Botschaft sind ein spannender Kontrast zu übersteigerten Arbeits- und Berufsvorstellungen – zu seiner Zeit wie zu unserer. Bei der Lektüre der Evangelien fällt nämlich auf, dass Jesus keineswegs die «Elite» seiner zeitgenössischen Arbeitswelt anspricht. Soweit die Evangelien Einblick gewähren, stammen seine Jüngerinnen und Jünger aus dem einfachen Volk, sind Fischer, Zöllner oder vielleicht auch kleine Handwerker wie Jesus. Zudem ist er gastfreundlich zu allen, die vielleicht charakterlich zweifelhafte Berufe ausüben, aber sich ehrlich von ihm ansprechen lassen. Kritisch reagiert er dagegen auf Personen, die durch ihren Beruf oder ihr Vermögen in der Gefahr stehen, charakterlich korrumpiert zu werden (z.B. die Erzählung vom reichen Jüngling, Markusevangelium 10,17-27). Die Botschaft ist: Wenn Beruf und sozialer Status vergötzt werden, wenn sich der Mensch dahinter nur noch über diesen oder den daraus resultierenden Reichtum definiert – dann erodiert die zwischenmenschliche Solidarität, die für das gute Leben aller notwendig ist.

Es ist gut, dass wir heute unseren Beruf auswählen dürfen und nicht gezwungen sind, wie so viele Menschen anderswo mit knochenharter Arbeit von der Hand in den Mund zu leben. Aber ein übersteigerter, egoistischer Fokus auf Beruf und beruflichen Erfolg macht uns wahrscheinlich weder richtig glücklich noch hat er die Mitmenschen im Blick. Die christliche Botschaft versucht uns immer wieder daran zu erinnern, dass im Blick für das Ganze – Mitmenschen, die Umwelt, die Schöpfung – der Weg zum Glück und zum Heil liegt. Das bedeutet nun nicht, dass wir alle Aussteiger:innen werden sollten. Aber es bedeutet, dass man seine eigene Einstellung zu Arbeit und Beruf immer wieder kritisch beleuchten sollte, um sich nicht selbst zu verlieren und zu einer reinen Berufsidentität zu werden. Damit würde der mögliche Reichtum unseres Daseins rasch verkümmern.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Ein Meter in einer Hosentasche. photocase/wieselwelten / Bild 1: Ein Koch flambiert etwas. Unsplash@jonathanmphoto / Bild 2: Eine Person steht in einem Raum mit vielen Türen und Fenstern. Unsplash@jan_genge / Bild 3: Französisch-venezianischen Truppen, die Schweizer Söldner und deutsche Landsknechte in der Schlacht von Marignano 1515 zurückschlagen. Wird dem Maître à la Ratière zugeschrieben, 16. Jh. n. Chr., heute im Condé Museum / Bild 4: Wandmalerei von Arbeitern in orangen Westen und blauen Anzügen. Unsplash@betno

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