Kreuz, Schmerz und Macht

Im Schlafzimmer meiner Eltern hing ein grosses Kruzifix an der Wand, wie bei so vielen katholischen Familien in den Sechzigerjahren. Es war Zeichen einer christlichen Ehe und wohl auch Ermahnung, den ehelichen Akt in keuscher Zurückhaltung zu vollziehen. Denn «der Herr ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben».

Jahre später war das Kreuz zur Seite gerückt und hatte einem Acrylbild Platz gemacht, das in seiner Erotik nicht nur dem Lebensgefühl, sondern auch der Frömmigkeit meiner Eltern besser entsprach. Der Gott, der Gehorsam und Aufopferung einforderte, hatte sich im brüchigen Patriarchat moralisch ins Abseits manövriert.

Opfer willkürlicher Staatsgewalt

Die Kruzifixe sind vielerorts verschwunden, das Kreuz aber ist bis heute das Erkennungs- und Identitätszeichen des Christentums.  Dies macht leicht vergessen, dass dem nicht immer so war. Die ersten Christ*innen malten auf die Wände der Katakomben den guten Hirten, der sich um seine Schafe kümmert, die Symbole von Fisch und Brot als Erinnerung und Vision einer Gemeinschaft, die den Hunger bekämpft, oder einfach das Christusmonogramm ☧, das aus den zwei griechischen Anfangsbuchstaben Chi (X) und Rho (P) besteht. Nicht aber das Kreuz. Die Erinnerung an die Hinrichtung Jesu durch die römische Besatzungsmacht war zu schmerzhaft, die eigene Situation als Christ*innen in Staat und Gesellschaft zu prekär. Als Minderheit in einem Gewaltregime wussten die Christ*innen, wie willkürlich und sinnlos dieser Tod ist und wie wenig es braucht, um dem Spott, der Grausamkeit oder dem Goodwill der Herrschenden ausgeliefert zu sein. Ihre Hoffnung und ihr Trost nährten sich aus der Erinnerung an den lebendigen Jesus und seine befreiende Botschaft.

Irritierendes Kreuz

1984 zeigte eine Installation in New York eine Figur, die den Gekreuzigten als Frau darstellte. Es war eine Kreuzesdarstellung, die zu irritieren vermochte, wie kaum eine andere. Gewiss, historisch gesehen hing um das Jahr 30 n. Chr. mit Jesus von Nazaret ein Mann am Kreuz. Möglich, dass der Tod am Kreuz ein männlicher ist. Doch darum ging es der Künstlerin Edwina Sandys nicht, wohl aber um die (Un)Sichtbarkeit von Leiden. Eine grosse Zahl der Opfer von Gewalt- und Unterdrückungs­strukturen weltweit sind Frauen. Sehen wir auch deren Leiden im Kreuz? Traditionelle Kreuzes­theologie verstellte lange Zeit den Blick, indem sie dem Leiden Jesu einen besonderen erlösenden Wert zuschrieb. «Es ist unmöglich», hielt Dorothee Sölle dagegen fest, «Jesu Leiden von dem anderer Menschen zu unterscheiden, als habe nur Jesus auf die Hilfe Gottes gewartet.»1  Befreiungstheologische Ansätze warnten, durch die Exklusivität des Kreuzes den Schmerz der Menschen als zweitrangig und ihren Kampf um Gerechtigkeit als bedeutungslos für den Gang der Geschichte abzuwerten. Die Skulptur des weiblichen Christus holt Leben und Leiden wie auch die erlösende Kraft von Frauen symbolisch ins Bild.

Christa von Edwina Sandy

Das Kreuz befreit nicht

Eine kritische Lesart mahnt an, dass das Kreuz nicht befreie und selbst die Skulptur mit der gekreuzigten Frau die Ohnmacht verstärke. Die Rede vom Kreuz beeinflusste im Laufe der Zeit Männer und Frauen unterschiedlich. (Privilegierte) Männer animierte sie bestenfalls zu Machtverzicht und Dienst, bei marginalisierten Personen aber wirkte sie häufig nicht widerständisch, sondern lähmend. Das Kreuz hielt sie in ihrer Abhängigkeit fest, indem es Schmerz und Verzicht, Geduld und wehrlose Liebe positiv konnotierte.

Suchen wir nach Hoffnungsbildern im Kreuz, müssen wir den Bildausschnitt vergrössern: Da steht eine kleine Gruppe von Menschen unter dem Kreuz, die Nein sagt zur Kreuzigung. Josef von Arimathäa sorgt sich um den Körper des Ermordeten und kauft ein Grab. Zeichen der Humanität mitten in der Gewalt, die an Jesus erinnern und wie er Gott Räume eröffnen. An der Trotzmacht des Geistes hält auch Maria von Magdala fest und gibt Jesus selbst nach seinem Tod nicht verloren.

 

 

  1. Dorothee Sölle: Leiden, Stuttgart 71987, S. 108.

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