Von Pausen, Blumen und himmlischer Gnade – Sakramente (II)

Sakramente fallen nicht vom Himmel. Sie sind eingebunden in die sakramentale Struktur der Schöpfung und der Geschichte: sie erzählen vom Heil-in-der-Welt. Eva-Maria Faber nennt sie «definierte Pausen der Erlösung».1

Immer vermittelt, nie unmittelbar

Als konkrete, sinnliche Zeichen erinnern die Sakramente daran, dass der Wunsch, Gott direkt und unmittelbar zu erfahren, illusionär ist. Gottesliebe ohne Zuwendung zur Welt ist imaginär. Gott ist allein vermittelt erfahrbar. Denn nur wenn das ganz Andere sich in unsere menschliche Welt einlässt, ist Begegnung mit dem Göttlichen möglich.

«Auch das viel zitierte Beispiel, dass man auch ohne Kirche zu Gott im Wald beten kann, kommt nicht ohne eine Vermittlung aus. Hier wird die Natur zur Vermittlerin, weil die Naturerfahrung zur Transzendenzerfahrung für die Grösse des Schöpfers in der Natur wird ».2

Nur wenn die Grösse und Nähe des Göttlichen sich zeichenhaft-sinnlich ausdrücken, sind sie für uns Menschen wirklich. Wir müssen berührt werden, um Gott zu erahnen.

Mit symbol- und kommunikationstheoretischen Ansätzen hat sich die Theologie in den letzten Jahrzehnten von einem magisch-dinglichen Verständnis der Sakramente verabschiedet. Werden Sakramente als ein Beziehungs- und Kommunikationsgeschehen verstanden, lässt sich weiter fragen, was es braucht, dass die Vermittlung zwischen Menschlichem und Göttlichem gelingt. Gerade das Beispiel der Kirche macht deutlich, dass menschliches Handeln das göttliche Geheimnis auch verdunkeln kann.

Kriterien gelingender Vermittlung

Sakramente sind gelingendes Vermittlungsgeschehen, wenn Gott Gott sein kann und die Menschen in ihrem Menschsein bestärkt und gefordert werden:

«Vonseiten Gottes soll Gott selber in seiner Unverfügbarkeit, aber auch in seiner welthaften und zeichenhaften Greifbarkeit dem Menschen begegnen können. Umgekehrt soll sich im sakramentalen Vollzug der Mensch als freie Person engagieren, aber auch in eine echte Gottesbeziehung eintreten können.»3

Als Handeln Gottes tragen Sakramente ein Moment des Unverfügbaren in sich, das weder hergestellt noch kontrolliert werden kann. Sie sind nach einer Formulierung von Ottmar Fuchs «immer gratis, nie umsonst.»4 Denn es ist Gott, der schenkt. Der Kirche rät der Theologe daher zu einer gewissen «Sorglosigkeit» im Umgang mit den Sakramenten: sie seien zu verschenken wie Blumen, die man in den Himmel werfe – bedenkenlos. Versuche, das Geschehen zu steuern und den Sakramenten­empfang an moralische oder andere Bedingungen zu knüpfen, widerspreche der stets grösseren Grosszügigkeit Gottes, der bedingungslosen Gnade.5

«Es geht darum, die Verkleinerung Gottes zurück zu nehmen, die mit eigenen Grenzziehungen und Blockierungen geschieht, in die Offenheit der ewigen Unerkanntheit und Unbestimmbarkeit hinein.»6

Die 7 Sakramente – Pausen der Erlösung

Miteinander essen und trinken, Zerbrechlichkeit und Trost erfahren, geschenktes Leben feiern, Verantwortung übernehmen, schuldig werden und neu anfangen können – die Sakramente nehmen wichtige Erfahrungen des Lebens auf. Ihre Siebenzahl hat sich erst spät – und zwar als Reduktion einer Unmenge existierender heiliger Riten und geheimnisvoller Zeichen –, genauer im 12. Jahrhundert herausgebildet. Die Reformation anerkannte letztlich deren zwei als biblisch belegt: Taufe und Abendmahl. Die katholische Kirche hielt an den sieben Sakramenten fest7, wobei die 7 als heilige Zahl, die Göttliches und den Kosmos (3+4) vereint, durchaus eine symbolische Bedeutung hat. Die Gesamtheit der Welt und des Lebens soll ein Sakrament Gottes sein.

Sakramente sind punktuelle Zeichen oder besser Momente (Vollzüge) im Unterwegssein. Pausen, sagt Eva-Maria Faber und lässt damit Aufatmen und Stärkung anklingen. Es sind geschenkte – oder wie sie sagt – «definierte» Pausen, Kraftquellen. Als Unterbrechung tragen Pausen ein Moment der Bewusstwerdung und Selbstvergewisserung in sich: wer bin ich, was zählt, was ersehne ich mir…

«Sakramente sind definierte Pausen der Erlösung, in denen die Glaubenden Ausschau halten nach dem erlösenden Gott, dessen Kommen sich unverfügbar schenkt, der aber selbst diese Pause definiert hat, um darin seine Ankunft zu ermöglichen. Der Glau­bende begegnet den Sakramenten empfangend, weil hier zuerst Gott der Handlende ist und höchst aktiv, weil er eingeladen ist, das empfangene Leben weiterzutragen und wirken zu lassen.»8

Eine Berührung, ein Wort, eine Salbung, und ich erfahre mich als getragen oder als Prophetin gesandt. Ein Stück Brot und ich erkenne, dass Gott es gut meint. In den Pausen nehme ich wahr, was ist. Pausen eröffnen zudem Räume, in dem ganz Neues werden kann. Sakramente sind keine Rituale der Selbstbestätigung. Sie wollen in eine neue Welt hineinführen und ermutigen zum Aufbruch. Auf eine schöne Weise erinnert die Rede von den Sakramenten als Pausen an den Schabbat und seine Vision einer anderen Welt, an den Sonntag als Vorwegnahme der neuen Schöpfung.

 

Erfahren Sie mehr unter:

Der Zigarettenstummel des Vaters – Sakramente (I)

Auferstehungsglaube und heutige Erfahrung

 

 

  1. Vgl. Angela Büchel Sladkovic: Der Zigarettenstummel des Vaters – Sakramente (I), auf: https://www.glaubenssache-online.ch/2019/03/06/der-zigarettenstummel-des-vaters-sakramente-i / (03.06.2019) Eva-Maria Faber, zit. nach Uta-Maria Köninger: Sakramentenkatechese – Theologische Basics. Taufe-Eucharistie-Busse-Firmung, S.1, auf:  https://www.religionspaedagogikzh.ch/upload/20130228135422.pdf
  2. Uta-Maria Köninger: Sakramentenkatechese, S. 3.
  3. Dietrich Wiederkehr: Sakramente in geschichtlichem Wandel, in: Schweizerische Kirchenzeitung Nr. 40/2003, auf: https://www.kath.ch/skz/skz-2003/religion/rel40.htm
  4. Ottmar Fuchs: Sakramente – immer gratis, nie umsonst, Würzburg 2015.
  5. Theologiegeschichtlich betrachtet, nimmt Ottmar Fuchs die scholastische Tradition des Opus operatum auf und verknüpft sie mit der Gnadentheologie. Dass ein Sakrament ex opere operato wirkt, meint, dass es gewissermassen «aus sich heraus» wirkt, das heisst unabhängig von der Integrität des Spenders, da Gott der eigentliche Geber, die eigentliche Geberin, ist.
  6. Ottmar Fuchs: Sakramente, S. 46.
  7. Der betreffende Passus am Konzil von Trient 1657 richtete sich gegen den reformierten Glauben und ist mit einer Androhung der Exkommunikation versehen. Die Streitigkeiten zwischen den Kirchen und die gegenseitigen Verurteilungen wurden 1999 definitiv beigelegt mit der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre der lutherischen, röm.-katholischen und der methodistischen Kirche. 2017 hat die Weltgemeinschaft der reformierten Kirchen die Erklärung in einem feierlichen Akt in der Stadtkirche Wittenberg unterzeichnet. Zur Einsetzung der Sakramente durch Christus lässt sich sagen, dass dieser Aspekt im Mittelalter viel zur theologischen Klärung beigetragen hat. Es kann jedoch nicht darum gehen, in einem engen historisierenden Verständnis für jedes Sakrament ein Jesuswort zu finden. Die Kirche ist eine nachösterliche Grösse. Die Rede von Christus als dem Stifter drückt vielmehr die Überzeugung aus, dass Gott in Christus in der Kirche und ihren Sakramenten gegenwärtig ist und wirkt.
  8. Eva-Maria Faber: zit. nach Uta-Maria Köninger: Sakramentenkatechese, S. 3.

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