Hoffen und handeln in einer unfertigen Welt

Hoffnung durchzieht wie ein wärmender Strom die biblischen Bücher und verbindet das Erste mit dem Zweiten Testament. Die grossen biblischen Hoffnungsbilder haben sich tief eingegraben in das Hoffnungsgedächtnis der Menschen. Doch die Welt läuft von einer Katastrophe in die nächste, Millionen sind auf der Flucht, Friede kaum irgendwo in Sicht und ein Gefühl der Ohnmacht breitet sich aus.

Biblische Hoffnungsbilder

Die Erde wird nicht untergehen in den Fluten des Bösen. Dafür, so die Sintfluterzählung im Buch Genesis 9,1-17, steht Gottes Bogen sinnbildlich am Himmel: Gott setzt der Gewalt ein Ende.1 Der Regenbogen wird zum Zeichen der Versöhnung, zum Inbegriff der Hoffnung auf Frieden. Es gibt einen Ausweg aus der Spirale der Gewalt: Schwerter werden zu Pflugscharen und Menschen ziehen fort aus Unterdrückung und Sklaverei. Die Prophet*innen wiederum zeichnen eine Welt, in der Hungrige satt werden (Jesaja 55) und das Recht fliesst wie Wasser (Amos 5,24). Auch Jesus erzählt vom Brot, das nicht ausgeht im Hause Gottes, und Maria von Magdala von der Auferstehung der Toten. Die vielfältigen biblischen Hoffnungsbilder haben eines gemeinsam: die Hoffnung trägt einen Namen – Gott.

«Gott rettet!»

Grund und Gegenstand der Hoffnung ist Gott. Die biblische Hoffnung ist immer ein Hoffen auf das Kommen Gottes. Die Ewige möge kommen und sich zeigen, damit Leben und Rettung geschehe. Es ist Gottes schöpferische Macht, die hoffen lässt. Die Hoffnung lebt aus dem Glauben, dass Gott etwas mit dieser Welt zu tun hat, dass Gott sich den Menschen leidenschaftlich verbunden zeigt. Gott ist lebendiges Du – Gott heilt, befreit und schenkt Leben.
Hoffen ist damit eng mit Erinnern verknüpft. Es ist die Erinnerung an die Urerfahrung Israels, die Erfahrung des Exodus, die einen Raum der Hoffnung schafft, in den die Menschen eintreten können. Es sind vorrangig die Kleinen und Bedrängten, die die Hoffnungstradition fortschreiben. Ihre Sprache ist die Sprache der Hoffnung. Ohne Zukunftsaussichten, ohne Ansehen und Einfluss hoffen sie ganz auf Gott:

«3 Achte auf mich und erhöre mich. Klagend irre ich umher und bin verstört 4 wegen des Geschreis des Feindes, unter dem Druck des Frevlers. Denn sie überhäufen mich mit Unheil und befehden mich voller Grimm.5 Mir bebt das Herz in der Brust; mich überfielen die Schrecken des Todes. 6 Furcht und Zittern erfassten mich; ich schauderte vor Entsetzen. 7 Da dachte ich: Hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe […] 17 Ich aber, zu Gott will ich rufen und Gott wird mich retten.» (Psalm 55,3-7a.17)

Und was ist, wenn Gott nicht rettet?

Es gibt viele Gründe, daran zu zweifeln. Wir sehen so viel Leben, das vor seiner Zeit stirbt. Da scheint Gott das göttliche Versprechen vergessen zu haben, bleibt fern und zeigt sich tatenlos. Die Kluft zwischen dem Versprechen und der Realität schmerzt und ist zugleich der Raum der Hoffnung. Wir sind auf Hoffnung hin gerettet, sagt Paulus im Römerbrief und spricht von der Erde, die stöhnt und seufzt (vgl. Römerbrief 8,24). Die Klammer über dem Riss zwischen Verheissung und Wirklichkeit ist der Mensch, der betend-handelnd hofft. Hoffen ist immer auch ein Leiden an Gott. Hoffende Menschen fragen in die dunkle Seite Gottes hinein: Wie lange noch? Wann endlich kommst du?!

Keine Erfolgsgeschichte

Hoffen bedeutet nicht schönreden. Hoffnung ist kein billiger Optimismus, der glaubt, dass es schon gut kommt. Immer wieder – und oft auch zu Recht – steht der Verdacht im Raum, dass mit Gott beschwichtigt werde, dass Glaube eine vorschnelle Versöhnung mit der leidvollen Wirklichkeit impliziere. Die Sehnsucht nach Gott deckt jedoch nicht zu, sondern auf. Die Hoffnung hat offene Augen: Vieles kommt nicht gut und die Heilung des Zerbrochenen braucht mehr als nur Zeit. Die Hoffnung hofft nicht an den Brüchen des Lebens vorbei. Sie hofft in die Brüche hinein auf eine Rettung des hoffnungslos Verlorenen, sie hofft für die Lebenden und die Toten. Die Geschichte der Hoffnung, so betonte der Theologe Johann Baptist Metz in der Nachkriegszeit des letzten Jahrhunderts, ist keine ungebrochene Siegergeschichte, keine Fortschrittsgeschichte. Die Zukunft, die Gott schenkt, ist mehr als das Produkt der Gegenwart. Hoffnung erzählt von überraschenden Wendungen, von geheimnisvollen Widerfahrnissen, vom Leben aus dem Tod. «Siehe, ich mache alles neu!» (Offenbarung 21,5)

Möglichkeitssinn

Wer die Welt aus dem Fokus der Hoffnung wahrnimmt, deutet sie neu und wird in seinem Handeln Teil des Wandels. Hoffende sehen, was alles noch werden kann. Sie entwickeln einen Sinn für das (Un)Mögliche. Eine Garantie für das Gelingen gibt es keine.

«Hoffen», so Fulbert Steffensky, «lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich. […] Zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang, sind wir einmal uns selber schuldig. Man entwürdigt sich und spricht sich selber Subjektivität ab, wenn man die Dinge zu ihrem Unglück treiben lässt.»2

Hoffen bringt einen Lebensgewinn. Wer hofft, reklamiert Handlungsmacht, weiss eine Macht an seiner Seite und fängt an zu tun, was Gott uns versprochen hat. Hoffende vertrauen darauf, dass es sinnvoll ist, was sie tun – ein Apfelbäumchen pflanzen, ein Kind trösten, sich menschlich zeigen, die Freiheit suchen. Hoffende sind Stellvertreter*innen Gottes.

  1. Vgl. André Flury: Die Sintfluterzählung – oder die Veränderung des Gottesbildes, auf: https://www.glaubenssache-online.ch/2018/07/11/sintflut-oder-die-veraenderung-des-gottesbildes/ (11.07.2018)
  2. Fulbert Steffensky: Was unsere Hoffnung nährt. Vortrag vom 11. Juni 2016 auf dem 7. Ostfriesischen Kirchentag in Rhauderfehn, auf: https://www.ostfriesischerkirchentag.de/damfiles/default/okt/Steffensky-Hoffnung-Ostfriesland.pdf.pdf-8fa9893038032d4b0ba63af3a20f424e.pdf

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