Das Matthäusevangelium

Das Matthäusevangelium steht an erster Stelle im Kanon des Neuen Testaments. Seit der Zeit der frühen Kirche genoss es höchstes Ansehen, vor allem, weil es dem Apostel Matthäus zugeschrieben wurde. Das lässt sich historisch zwar nicht halten, aber ein faszinierendes Buch ist das Matthäusevangelium trotzdem.

Rembrandt (van Rijn): Der Evangelist Matthäus (Ölgemälde 1661); Paris, Louvre

Der Autor, den die kirchliche Tradition Matthäus nennt und der deshalb auch hier so genannt werden soll, schrieb sein Buch wahrscheinlich in den Jahren 80-90 n. Chr. in Syrien.1 Er kannte schon das Markusevangelium und konnte dessen Aufbau, der sich am Weg Jesu von Galiläa nach Jerusalem orientiert, übernehmen. Aber Matthäus hatte mittlerweile noch weitere Texte und Geschichten zur Verfügung. So konnte er das Markusevangelium durch einige Geschichten ergänzen, darunter die bekannten Erzählungen rund um die Geburt Jesu (zum Beispiel die Sterndeuter oder die Flucht nach Ägypten, Mt 2)2 oder einige Ostererzählungen (zum Beispiel die Erscheinung des Auferstandenen vor Maria aus Magdala und der «anderen Maria», Mt 28,9–10) oder auch Gleichnisse wie die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1–15). Ausserdem konnte er auf eine Sammlung von Jesusworten zurückgreifen, aus der er so wichtige Texte wie die Bergpredigt, zu der auch das Vater unser gehört, entnahm (Mt 5–7). Das Matthäusevangelium ist also um einiges länger als das Markusevangelium.

Die Jesusgeschichte im Sinn-Horizont des Alten Testaments

Typisch für Matthäus ist, dass er seine Jesusgeschichte noch stärker als Markus im Licht seiner Heiligen Schriften, der jüdischen Bibel – unseres Alten Testaments –, erzählt. Auf Schritt und Tritt finden wir Schriftzitate, die die Bedeutung Jesu verstehbar machen. Ohne diesen «Wahrheitsraum» des Alten Testaments kann die Jesusgeschichte in den Augen des Matthäus nicht angemessen verstanden werden.

Besonders deutlich wird dies anhand der regelmässig wiederkehrenden «Erfüllungszitate». So lesen wir schon im ersten Kapitel des Buches:

«Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was Gott durch den Propheten gesagt hat […]» (Matthäusevangelium 1,22)

Solche Zitate gibt es im gesamten Buch. Zum Teil werden sie zwar nicht mit genau diesen Worten, sondern mit leicht veränderten Wendungen eingeleitet, oder es wird in anderer Weise auf das Alte Testament angespielt; doch liegt all diesen Bezugnahmen die Überzeugung zugrunde, dass die alttestamentlichen Schriften den Glaubens- und Verstehenshorizont bilden, in den die Jesusgeschichte eingebettet ist.

So wird ein umfassender Sinn-Kontext wachgerufen, in dem all das lebt und zur Geltung kommt, was über Jesus gesagt wird. Viel mehr als um ein vordergründiges «Erfüllen» prophetischer Voraussagen geht es um ein «Entsprechen», «als wahr Unterstreichen», «ins Recht Setzen» oder auch «zur Geltung Bringen» der Schrift:

«Die Schrift wird vorausgesetzt, bestätigt, neu in Kraft gesetzt, die Gegenwart gestaltend und die Zukunft bestimmend. So wird sie vollgemacht, indem an ihrer Fülle partizipiert wird.»3

Eine solche Lektüre der alttestamentlichen Schriften ist eine christusgläubige Lektüre. Nicht-christusgläubige jüdische Gruppierungen werden diese Leseweise ihrer Bibel nicht geteilt haben. Dennoch bleibt festzuhalten: Das Matthäusevangelium bezieht sich durchgehend positiv auf die Schriften des Alten Testaments und gewinnt die Sinnhaftigkeit der eigenen Jesusdarstellung massgeblich aus den alttestamentlichen Schriften. Für Matthäus wird die Bedeutung Jesu nur über die Schrift, das heisst das Alte/Erste Testament verstehbar.

Verwurzelt im Judentum …

Diese durchgehenden Bezugnahmen auf die alttestamentlichen Schriften zeigen, wie sehr Matthäus und seine Gemeinde im Judentum verwurzelt waren. Der Verfasser war ein ausgezeichneter Kenner der heiligen Schriften des Judentums. Vielleicht war er selbst so ein «Schriftgelehrter, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist», von dem er in Kapitel 13,52 spricht. Aber auch für seine Gemeinde müssen diese Schriften eine grosse Bedeutung gehabt haben, so dass man den Ursprung dieser matthäischen Gemeinde am besten in der Synagoge suchen wird.

Torarolle, der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel.

Allerdings lässt das Matthäusevangelium erkennen, dass das Verhältnis zu jener «Ursprungs-Synagoge» nicht mehr ungetrübt war. Dem Buch sind heftige Auseinandersetzungen und geradezu schmerzhafte Abgrenzungsbestrebungen anzumerken. Zum Beispiel werden Pharisäer und Schriftgelehrte mit einer polemisch-verzerrenden Kritik überzogen, die mich als Leserin betroffen zurücklässt, zumal wenn ich diese Stellen vor dem Hintergrund der antijüdischen Theologie- und Auslegungsgeschichte im Christentum lese (vgl. Mt 5,20; 23). Dabei bleibt festzuhalten, dass Jesus selbst zwar mit Pharisäern durchaus um die richtige Deutung der Schriften gerungen hat; doch haben diese polemischen Äusserungen, die wir im Matthäusevangelium finden, ihren Ort nicht in der Zeit Jesu, sondern in der Zeit späterer Abgrenzungsbestrebungen.

Zur damaligen Zeit war es allerdings noch nicht ausgemacht, ob sich der Glaube an den Messias Jesus am Ende als tragfähig erweisen würde. Wahrscheinlich war der Gemeinde deshalb so sehr daran gelegen, Jesus in einen positiven Bezug zu den jüdischen Heiligen Schriften zu setzen und die Lehre Jesu als relevant für die schriftgelehrte Diskussion des Judentums darzustellen. So wird das, was Jesus lehrt, in der Bergpredigt in einen Dialog mit der vorgegebenen Tradition gebracht:

«Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist … Ich aber sage euch …» (vgl. Matthäusevangelium 5,21–48).

Auf diese Weise werden manche Neuakzentuierungen der Tradition vorgenommen, und Jesus selbst wird als Lehrer, Schriftgelehrter und vollmächtiger Ausleger der Schrift dargestellt.

Schrift. Gelehrter

… und offen für Menschen aus den anderen Völkern

Es ist klar: Bei all dem geht es um die Identität der Gemeinde des Matthäusevangeliums. Eine grosse Bedeutung in diesem Ringen um Identität hat die Frage der Aufnahme von Menschen nichtjüdischer Herkunft in die Gemeinde. Von Anfang an wird daher der Blick auf Menschen aus den nichtjüdischen Völkern gelenkt: Da gibt es vier Frauen im Stammbaum Jesu, die nicht Jüdinnen, sondern «Ausländerinnen» sind (Mt 1). Die ersten, die den neugeborenen «König der Juden» wirklich erkennen und ihm huldigen, sind nichtjüdische Sterndeuter (Mt 2,1–12). Vorbildliche Erzählfiguren sind ein nichtjüdischer Hauptmann von Kafarnaum (Mt 8,5–13) oder eine «kanaanäische» Frau (Mt 15,21–28). Am Ende steht die Aussendung der Jünger*innengruppe «zu allen Völkern» durch den Auferstandenen selbst (Mt 28,16–20). Dem Matthäusevangelium ist anzumerken, wie die Gemeinde zu lernen beginnt, dass das Heil, das mit Jesus gekommen ist, für Menschen aus allen Völkern da ist und dass Menschen aus allen Völkern zu Jesus gehören und – wie Israel auch – gerettet werden sollen.

Jesusbilder

Entsprechend sind die Akzente, die das Matthäusevangelium in seiner Darstellung Jesu setzt. Von Anfang an wird er als Davidssohn und verheissener Messias Israels präsentiert. Zugleich wird von Anfang an deutlich, dass die Perspektive auf alle Völker hin geöffnet wird. Jesus ist der Messias Israels und der anderen Völker.

Wie sehr die «Rettung» zur Bedeutung Jesu gehört, erfahren Leser*innen gleich zu Beginn des Buches:

«Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.» (Matthäusevangelium 1,21)

Und so wird Jesus durch das Buch hindurch gezeigt, wie er als Retter seines Volkes handelt, und besonders als Retter derjenigen, die Schuld auf sich geladen haben und für die es keinen Ausweg gibt. Mit ihm hat «das Volk, das im Dunkel sass, ein helles Licht gesehen» (Mt 4,16), er macht deutlich, dass er nicht gekommen ist, «um Gerechte zu rufen, sondern Sünder» (Mt 9,13), er zeigt, dass Gott «Barmherzigkeit will und nicht Opfer» (Mt 9,13). So wird der Weg Jesu ans Kreuz als Lebenshingabe verstanden – zur Vergebung der Sünden (Mt 26,28). In jeder Feier des Mahles wird also die Sündenvergebung vergegenwärtigt. Die Gemeinde darf sich als befreit erfahren und diese Befreiung an andere weitergeben. Nicht umsonst spielt dies sogar in dem Gebet, das Jesus selbst die Seinen lehrte, eine zentrale Rolle:

«Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.» (Matthäusevangelium 6,12)

Ein weiteres Kennzeichen Jesu im Matthäusevangelium sind die fünf grossen Reden, durch die Jesus den Leser*innen als vollmächtiger Lehrer vorgestellt wird. Dies sind zunächst die Bergpredigt, die am Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu steht (Mt 5–7). In Kapitel 10 sendet Jesus die Jünger*innengruppe mit einer grossen Aussendungsrede aus. Kapitel 13 stellt in einer grossen Rede wichtige Gleichnisse über das Himmelreich zusammen. In der Rede in Kapitel 18 geht es um das Zusammenleben in der Gemeinde. Und die letzte grosse Rede blickt schliesslich voraus auf das Gericht Gottes (Mt 23–25).

Bergpredigt. Galiläa Panorama, Berg der Seligpreisungen

Wenn sich der Auferstandene in der Schlussszene des Buches an die Jünger*innengruppe mit dem Auftrag wendet, alle Völker zu Jünger*innen zu machen und diese zu lehren, «alles zu befolgen, was ich euch geboten habe» (Mt 28,19), dann bezieht sich dies auf alle Reden des Lehrers Jesus im Matthäusevangelium zurück. Wer Jünger*in Jesu sein will, hat sich an all das zu halten, was Jesus in seinen Reden vermittelt hat. Dabei ist man allerdings nicht allein. Denn wie es zu Beginn des Buches die grosse Zusage gegeben hat, dass dieses neugeborene Kind Jesus der «Immanuel» sei, und das heisst: «Gott mit uns» (Mt 1,23), so steht die Zusage des Auferstandenen am Schluss des Buches4

«Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.»
(Matthäusevangelium 28,20)

 

  1. Vgl. ausführlich zum Matthäusevangelium Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (Studiengang Theologie 2,1), Zürich 2015, S. 133-198.
  2. Mt ist die übliche Abkürzung für Matthäusevangelium und wird im Folgenden bei Stellenangaben gebraucht.
  3. Vgl. Frank Crüsemann: Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel, Gütersloh 2011, 246.
  4. Zum aktuellen Stand der Auslegung des Matthäusevangeliums vgl. das Themen-Heft der Zeitschrift «Bibel und Kirche» des Katholischen Bibelwerks: Bibel und Kirche 74 (3/2019): Matthäus neu lesen.

    Bildnachweise Titelbild (1896/97 in Oxyrhynchus gefundenes Papyrusblatt aus dem frühen 3. Jh., eines der wichtigsten Handschriftfragmente des Matthäusevangeliums. Abgebildet ist die Vorderseite mit dem Text von Mt 1,1–9.12) und Bild 1: Wikimedia Commons; Bilder 2-6: iStock;

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