Das Markusevangelium

Das älteste Evangelium im Neuen Testament ist das Markusevangelium. Es wurde geschrieben, als die Römer gerade den jüdischen Aufstand in Judäa blutig niedergeschlagen hatten. Wie schreibt man in so einer Zeit ein Buch über einen Juden, der von den Römern gekreuzigt wurde?

Das Markusevangelium ist wahrscheinlich in Rom entstanden, als die schrecklichen Nachrichten aus Judäa eintrafen:1 Der jüdische Aufstand gegen die römische Besatzung war blutig niedergeschlagen worden, die römischen Truppen hatten 70. n. Chr. Jerusalem nach langer Belagerung erobert, sie hatten nicht nur die Stadt, sondern auch den Tempel zerstört und ein fürchterliches Blutbad unter der Bevölkerung angerichtet. Wer nicht ermordet wurde oder fliehen konnte, wurde in die Sklaverei verkauft. Vespasian, der als Feldherr ausgezogen war, den Aufstand niederzuschlagen, und der mittlerweile zum Kaiser ausgerufen worden war, feierte den Sieg in einem Triumphzug gemeinsam mit seinen Söhnen Titus und Domitian und schleifte jüdische Kriegsgefangene und Beutestücke aus dem Tempel durch Rom. Münzen mit der Aufschrift «Judäa ist erobert» wurden geprägt und gingen von Hand zu Hand. Es ist der Beginn der 70er Jahre des ersten Jahrhunderts n. Chr. Damals steckten den römischen Christusgläubigen die Gewaltexzesse unter Nero Anfang der 60er-Jahre, denen viele ihrer Glaubensgenoss*innen zum Opfer gefallen waren, noch in den Knochen. Und nun das.

Ein Buch über einen jüdischen Messias und Gottessohn

In solch einer Situation ein Buch über einen Juden zu schreiben, der von den Römern als Aufständischer gekreuzigt worden war und den seine Anhänger*innen als Messias und Gottessohn verehrten, war alles andere als einfach. Es konnte sogar gefährlich sein.

Der Verfasser des ältesten Evangeliums, den wir mit der kirchlichen Tradition Markus nennen wollen (wie er wirklich hiess und wer er war, können wir heute leider nicht mehr herausfinden), schreibt seine Jesusgeschichte klug und sehr überlegt in Auseinandersetzung mit den Ereignissen seiner Zeit.2 Schon in der Überschrift seines Buches macht er klar, dass es um nichts weniger als ein «Evangelium», eine gute Nachricht geht (Markusevangelium 1,1). Das ist ein Wort, das uns heute als Bezeichnung eines Buches über Jesus oder auch für die Jesusbotschaft insgesamt vertraut ist. Damals aber war es ein Wort aus der römischen Propaganda und wurde für militärische Siege oder andere gute Nachrichten über den Kaiser verwendet. Für Markus hingegen ist die Jesusgeschichte die wirkliche gute Nachricht für die Leser*innen des Buches.

Ebenfalls schon in der Überschrift des Buches versieht Markus seine Hauptfigur Jesus mit zwei wichtigen Titeln: Er ist Messias und Gottessohn (Markusevangelium 1,1). Das scheint uns heute, nach 2000 Jahren christlicher Sozialisation, als selbstverständlich. Für damalige Ohren aber musste das unerhört geklungen haben. Der Messias – griechisch Christos, lateinisch Christus – wurde im Judentum erwartet als einer aus königlichem Geschlecht, als «Sohn Davids», der das darniederliegende Volk Israel wieder aufrichten und von Unterdrückung und Fremdherrschaft befreien würde. Jesus selbst hat sich, soweit wir wissen können, nicht als Messias bezeichnet. Aber viele Menschen, die ihn erlebt hatten, fragten sich, ob er wohl der Messias sei. So eine Zuschreibung ist in Zeiten römischer Herrschaft über Judäa alles andere als ungefährlich. Doch Markus stellt diesen Titel gleich an den Beginn seines Werkes. Allerdings macht er im Verlauf seines Buches deutlich, um welche Art von Messias es sich bei Jesus handelt: Es ist einer, der ins Leiden und in den Tod geht, und zwar in den Tod am Kreuz. Gerade darin ist er für Markus der «Messias».

Der Titel «Gottessohn» ist ein Titel, der in der judäischen Tradition einerseits für den König und andererseits für andere besonders gottgefällige Menschen verwendet wurde. Zur Zeit des Markusevangeliums schmückten sich allerdings andere mit diesem Titel: die römischen Kaiser. Augustus war der erste, der den Senat dazu gebracht hatte, seinen Adoptivvater Julius Caesar zu konsekrieren – das heisst: zum Gott zu erklären –, und der daher folgerichtig den Titel «Sohn eines Gottes» für sich beanspruchte und zum Beispiel auf Münzen prägen liess. Andere Kaiser taten es ihm nach. In der Perspektive des Markusevangelium hingegen ist klar: Jesus ist der «wahre» Gottessohn. Und er lässt ausgerechnet im Moment des furchtbaren Todes Jesu einen römischen Hauptmann sagen:

«Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn.» (Markusevangelium 15,39)

Schon diese wenigen Andeutungen zeigen, mit wie viel Bedacht Markus seine Jesusgeschichte in Auseinandersetzung mit dem damals alles beherrschenden römischen Symbolsystem schrieb. Schritt für Schritt macht er deutlich, was für ihn das «wahre» Evangelium und wer der «wahre» Gottessohn ist. Es ist kein Zufall, dass in Kapitel 5 eine «Legion» Dämonen jämmerlich im See ersäuft, oder dass der Weg Jesu nach Jerusalem in Markus 8,27 ausgerechnet in der «Kaiserstadt» Caesarea Philippi beginnt, von der auch Vespasian zu seinen Feldzug gegen Jerusalem aufgebrochen war. Man muss solche Anspielungen nur zu verstehen wissen.

Das erste Jesusbuch: ein genialer Wurf!

Markus hatte wahrscheinlich schon einige Texte vorliegen, als er anfing, sein Jesusbuch zu schreiben. Vermutlich hatte er eine Sammlung von Gleichnissen, eine Sammlung von Wundergeschichten, einige Streitgespräche und vor allem eine ausführliche Erzählung über das Leiden und Sterben Jesu vorliegen. Diesen Stoff schrieb er weiter und brachte ihn in eine sinnvolle Reihenfolge, indem er die Geschichten bestimmten Orten und Landschaften zuordnete. Auf diese Weise entstand ein gut durchdachtes Buch – nach meiner Leseerfahrung: ein geniales Buch!

Das Buch beginnt mit einer kurzen Vorgeschichte: Johannes der Täufer weist auf Jesus hin, dieser wird von Johannes getauft und besteht siegreich die Versuchungen in der Wüste (Markusevangelium 1,1–13).

Reich-Gottes-Verkündigung in Galiläa

Danach beginnt der erste grosse Hauptteil des Werkes (Markusevangelium 1,14–8,26). Haupt-Schauplatz ist Galiläa sowie einige angrenzende Orte. Es ist die Zeit des öffentlichen Auftretens Jesu rund um den See Gennesaret. Jesus beginnt mit seiner Verkündigung:

«Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!» (Markusevangelium 1,15)

Darum geht es Jesus also: Um das nahe herbeigekommene Gottesreich. Jesus war – historisch gesprochen – davon überzeugt, dass Gott das weltgeschichtliche Ruder endgültig übernommen hatte, dass die widergöttlichen Mächte entmachtet waren und dass sich nun Gottes neue und gute Welt mit Macht auch auf der Erde ausbreiten würde. Und Jesus sah sich gerufen, dies in seinen Worten und Taten erfahrbar zu machen.

Markus setzt das in seinem Buch meisterhaft um: Als erstes zeigt er, wie Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft. Es ist charakteristisch für Jesus, dass er kein abgehobener Held ist, sondern dass es von Anfang an Menschen gibt, die sich von ihm ansprechen lassen und sein Leben teilen. Dann beginnt Jesus zu verkünden, begleitet von Dämonenaustreibungen und Heilungen. Wo Gottes neue Welt sich ausbreitet, ist kein Platz für die zerstörerischen Mächte, die die Bibel «Dämonen» nennt. Sodann muss Gottes neue Welt gefeiert werden. So sehen wir Jesus mit vielen unterschiedlichen Menschen am Tisch sitzen, die in den überfliessenden Mählern Gottes neue Welt buchstäblich schmecken. Wo Gottes neue Welt sich ausbreitet, haben alle am Tisch Platz, und es gibt genug für alle! Dazu gehören auch diejenigen, die Dreck am Stecken haben. Das erregt Anstoss bei den Ordentlichen, die ihm vorwerfen, dass er «mit Zöllnern und Sündern isst» (Markusevangelium 2,16). Gegen solche und andere Anfragen wirbt Jesus für seine Reich-Gottes-Botschaft mit seinen kleinen meisterhaft erzählten Geschichten: den Gleichnissen.

Diese Zeit in Galiläa ist eine Zeit des Aufbruchs. Jesus eilt mit seiner Botschaft von Ort zu Ort, Menschen strömen zu ihm, lassen sich ansprechen, suchen Heilung – und rätseln, wer er wohl ist. Doch die einzigen, die wissen, wer Jesus ist, sind die Dämonen. Aus ihrem Mund hören wir die – aus der Perspektive des Markusevangelium – «richtigen» Titel: «Du bist der Heilige Gottes» oder «Du bist der Sohn des höchsten Gottes». Alle anderen, die Jünger*innen eingeschlossen, verstehen noch nicht viel.

Auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem

Das ändert sich im zweiten Hauptteil. Er beginnt ganz im Norden des Landes, in der Gegend von Caesarea Philippi, mit einem fulminanten Bekenntnis des Petrus:

«Du bist der Messias.» (Markusevangelium 8,29)

Endlich hören wir das – in der Perspektive des Markusevangeliums – «richtige» Bekenntnis aus dem Munde der prominentesten Jüngerfigur. Doch Jesus verbietet überraschenderweise, darüber zu sprechen. Offenbar muss erst noch genauer gelernt werden, was dieses «Messias-Sein» genau bedeutet.

Dazu gliedert Markus den nun folgenden Weg Jesu nach Jerusalem mit Hilfe von drei Ankündigungen des Leidens und Sterbens Jesu. Es wird deutlich, dass der Weg Jesu nach Jerusalem ins Leiden und in den Tod – aber auch zur Auferweckung durch Gott führt. Das ist offenbar nicht so leicht zu begreifen. Denn dreimal reagiert die Jüngergruppe mit grossem Unverständnis auf diese Ankündigungen Jesu. Und mit den Jünger*innen müssen auch die Leser*innen diesem besonderen Messias-Sein Jesu auf die Spur kommen, und sie müssen lernen, was es heisst, einem solchen Messias nachzufolgen. Es kann bedeuten, selbst ebenfalls Gewalt und Verfolgung ertragen zu müssen – so wie es die römischen Christusgläubigen unter Nero erfahren hatten und wie sie auch in den 70er-Jahren offenbar immer noch Übergriffen und Anfeindungen ausgesetzt und daher versucht waren, die Gemeinde zu verlassen. Anhand des Weges Jesu nach Jerusalem sind sie (und mit ihnen alle Leser*innen bis heute) eingeladen, ihren eigenen Weg der Nachfolge zu bedenken.

Leiden und Sterben in Jerusalem

In Kapitel 11 zieht Jesus schliesslich in Jerusalem ein. Damit beginnt der dritte grosse Hauptteil des Werkes. Nach dem triumphalen Einzug nehmen allerdings die Spannungen und Konflikte in dramatischer Weise zu. Es gibt in diesem Jerusalem-Teil weder Reich-Gottes-Gleichnisse, noch Heilungen oder Dämonenaustreibungen, noch die überschwänglichen Mähler wie in Galiläa (mit Ausnahme des letzten Mahles). Stattdessen wird Jesus ständig herausgefordert und in Streitgespräche verwickelt, die Anfeindungen nehmen zu, es ist mit Händen zu greifen, dass dies tödlich enden würde. In diesen Kontext passt auch die grosse apokalyptische Rede in Kapitel 13.

Ab Kapitel 14 nehmen die Ereignisse der Passion dann ihren Lauf. Nach der Salbung durch eine unbekannte Frau in Betanien, dem letzten Mahl mit den Seinen und einem Gebet Jesu im Garten Getsemane wird Jesus verhaftet, ihm wird der Prozess gemacht, der römische Statthalter Pontius Pilatus verhängt das Todesurteil, Jesus wird gekreuzigt und stirbt mit einem erschütternden Schrei. Doch ausgerechnet angesichts dieses erschütternden Todes spricht ein römischer Hauptmann das aus, was Leser*innen seit der Überschrift des Buches über Jesus wissen:

«Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn.» (Markusevangelium 15,39)

Jetzt, wenn der Tod Jesu mitgedacht wird, kann dieses Bekenntnis auch aus Menschenmund ausgesprochen werden. Denn jetzt ist klar: Jesus ist nicht nur ein Wunderheiler und spektakulärer Dämonenaustreiber, sondern mehr. Er geht den Weg durch Leid und Tod und ist gerade darin Messias und Gottessohn.

Ein mutiger Schluss

Doch damit ist das Buch noch nicht zu Ende. Nach dem Begräbnis Jesu machen sich Frauen, Jüngerinnen Jesu (von denen wir in 15,41 erfahren haben, dass sie die ganze Zeit seit Galiläa dabei waren!), auf den Weg zum Grab. Sie finden das Grab leer vor und erhalten die umwerfende Botschaft, dass der Gekreuzigte von Gott auferweckt wurde. Und noch mehr:

«Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.« (Markusevangelium 16,7)

Wer das Markusevangelium von vorne gelesen hat, weiss, was Galiläa bedeutet. Leser*innen werden zurück zum ersten grossen Hauptteil des Buches verwiesen, und es gilt, es nochmals, nun mit den Erfahrungen von Karfreitag und Ostern, zu lesen. Galiläa, das war die Zeit des Aufbruchs, die Zeit, als das Reich Gottes greifbar und erfahrbar wurde in dem, was Jesus gesagt und getan hat, als Menschen gesund wurden und das Brot für alle reichte. Es ist die Zeit der Sinn-Erfahrungen und der neuen Perspektiven. So gilt es, sich selbst auf den Weg zu machen und all diesen Sinn-Erfahrungen Schritt für Schritt nachzuspüren und sie im eigenen Leben weiterzuschreiben. Denn Galiläa, das ist die Heimat und der Alltag der Menschen, die Jesus nachgefolgt sind. Und dort, im Galiläa des eigenen Lebens und Alltags, lässt sich der Auferstandene «sehen» – wenn Menschen seinen Weg weitergehen.

Nach Markus 16,8 sagen die Frauen allerdings nichts. Zu sehr sind sie erschüttert und zuinnerst aufgewühlt von dieser Erfahrung des Göttlichen. Bis die unerhörte Botschaft Worte finden kann, braucht es offenbar noch Zeit. Doch es ist klar: Wenn die Frauen nichts sagen, bleibt die Botschaft zwischen dem Grab und dem Leben stecken. Das ist ein offener Schluss – er lässt es im Unklaren, was mit der Botschaft passiert. Wer die Botschaft nun weitererzählen kann, sind die Leser*innen. Sie sind aufgefordert, die Stafette aufzunehmen, die Botschaft zu verkünden und den Weg Jesu in «ihrem» Galiläa weiterzugehen.3

Das ist ein mutiger Schluss eines mutigen Buches.4

 

  1. Vgl. ausführlich zum Markusevangelium Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (Studiengang Theologie II,1), Zürich 2015, S. 39-111.
  2. Vgl. dazu Martin Ebner: Evangelium contra Evangelium. Das Markusevangelium und der Aufstieg der Flavier, in: Biblische Notizen 116 (2003), S. 28–42; Bernhard Heininger: «Politische Theologie» im Markusevangelium. Der Aufstieg Vespasians zum Kaiser und der Abstieg Jesu zum Kreuz, in: Ders.: Die Inkulturation des Christentums. Aufsätze und Studien zum Neuen Testament und seiner Umwelt (WUNT 255), Tübingen 2010, S. 181-204; Heinz Blatz: Semantik der Macht. Eine zeit- und religionsgeschichtliche Studie zu den markinischen Wundererzählungen (NTA 59), Münster 2016.
  3. Vgl. Hermann-Josef Venetz: Er geht euch voraus nach Galiläa. Mit dem Markusevangelium auf dem Weg, Freiburg Schweiz 2005 (Neuausgabe 2017).
  4. Die Verse 16,9-20 wurden dem Markusevangelium erst später hinzugefügt.

    Bildnachweise Titelbild: iStock/pichitstocke; Bild 1: photocase/nanihta; Bild 2: unsplash/gift habeshaw; Bild 3: unsplash/priscilla du preez; Bild 4: photocase/Fluegelwesen; Bild 5: unsplash/patrick fore

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