Ernte-Dank

Der Herbst ist eine Zeit der Ernte und der vielfältigen Feste rund um Nahrungsmittel: Erntedank, Fête de vignerons, Thanksgiving Day, Sukkot (Laubhüttenfest). Sinnigerweise ist auch der Welternährungstag, der den Hunger in der Welt ins Gedächtnis ruft, im Oktober. Die Tage stehen etwas quer in der modernen postindustriellen Landschaft.

Frauen und Männer unterbrechen das Arbeiten, Produzieren und Konsumieren – und feiern. Die alten bäuerlichen Traditionen sind mehr als Folklore und Nostalgie: Sie drücken eine Schöpfungsverbundenheit und Weisheit aus, die zu denken geben. «Das Danksagen ist ein Weg, hinter die Dinge zu sehen: weil sie von Gott kommen, gehören sie uns nicht», schreiben Andrea Bieler und Luise Schottroff in ihrem Buch zum Abendmahl.1

Wer dankt, schaut hinter die Dinge

Wer für die Ernte dankt, bringt zum Ausdruck, dass wir trotz oder besser in aller Arbeit und aller Sorge nicht selbst die Macher*innen des Lebens sind. Leben ist Geschenk. Das Samenkorn in der Erde wächst und die Früchte tragen Samen. Das ist so und es ist gut so. Fulbert Steffensky spricht im Zusammenhang mit der Dankbarkeit von einer zweiten Schöpfung: «Die Dinge sind nicht nur da – das Licht, die Nacht, die Bäume und ihre Früchte, die Speise der Menschen und der Raben. Der Dank nimmt sie wahr und preist die Güte, der sie entstammen. Mit jedem Dank für das Brot, das Korn, den Regen und die Sonne sagen wir, dass das Leben gut ist und von der Güte geboren ist.»2

Eine geborgene Welt

Wer dankt, entledigt sich der Illusion, Herr*in im Haus zu sein. Die Dinge stehen uns nicht einfach zu, sie sind nicht unser Besitz. Die Überzeugung, dass die Erde Gott gehört, führt im biblischen Denken nicht allein zur Formulierung, «Fremde und Gäste» (Levitikus 25,23) auf Erden zu sein, sondern zeigt sich konkret in der Ausgestaltung von Boden- und Landrechten und dem Umgang mit Verschuldung. Auch das Sabbatjahr, die Brachzeit alle sieben Jahre, gehört dazu.3

In der Anerkennung des Gegeben-Seins von Land, Wasser und Luft liegt eine Begrenzung ihres Gebrauchs. Wir sind immer auch Bewahrer*innen und Beschützer*innen der Schöpfung. Dankbarkeit lässt alles rücksichtslose Verfügen fahren. Man kann nicht dankbar sein und gewalttätig. Dankende stellen sich in ein Beziehungsgeflecht, in eine Gemeinschaft des Teilhabens und Teilgebens. Wer nur für sich schaut, nimmt, was er kriegt. Wer nimmt, was sie kriegt, schaut nur für sich. Weder das Anspruchsdenken der Konsum- und Leistungsgesellschaft noch äussere Verpflichtung – da sagt man danke – stehen am Ursprung des Dankens. Gotthard Fuchs findet eine wunderbare Formulierung, wenn er schreibt, dass das Danken «aus berührter Freiheit»4 geschieht und mit der Erfahrung des Beschenkt-Seins zu tun hat. Im Erntedank steckt eine Freude über die Schönheit der Schöpfung und ihre guten Gaben, die wir geniessen können.

Eschatologischer Dank

Erntedank ist kein naiver Dank, denn er weiss um die Gefährdung des Lebens. Der Dank ist gezeichnet von den Widrigkeiten und Mühen, vom Bangen und Warten. Als existentieller Dank ist er Vertrauen und Zuspruch zugleich: die Erde möge blühen und den Menschen und Tieren Nahrung schenken.

Im Erntedank liegt eine Perspektive der Hoffnung. Was werden wir morgen essen? Reicht die Ernte, um die Familie zu ernähren? Verankert im Überlebenskampf der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern steht das Erntedankfest nicht für sorglosen Überfluss, sondern erzählt vom Glauben an die Güte der Schöpfung und vom Festhalten daran, dass Gott es gut mit uns meint. Erntedank birgt etwas Kämpferisches ins sich. Gegen alles drohende Unglück zeichnet das Fest das Bild einer Erde, die uns Menschen trägt und zu nähren vermag.

Welche Fülle?

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Fülle, die in der Freigebigkeit der Schöpfung anklingt und im theologischen Diskurs allgemein eine wichtige Rolle spielt. Gott ist überfliessende Liebe oder wie es im Zusammenhang mit dem Erntedank heisst: Geber*in aller guten Gaben. Doch von welcher Fülle reden wir, die Gott uns schenkt? Eine wichtige Frage angesichts der ökologischen Frage und der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen. Wohl kaum von der Fülle der Marktregale, die uns suggeriert, dass wir immer mehr wollen und brauchen. «Die Fülle, die in der Supergrösse XXL einer McDonalds Cola-Portion zum Ausdruck kommt, wird paradoxerweise von dem Mythos des Mangels beherrscht, der die Furcht erzeugt, dass es in Zukunft nicht genug zu konsumieren geben könnte.»5

Der Erntedank spricht ein anderes Wort der Fülle: es ist genug da! Wir müssen die Erde nicht auspressen, sie beschenkt uns jedes Jahr wieder neu. Es hat genug Wasser für alle, wenn wir es nicht verschwenden. Und das Saatgut gehört nicht vier Weltkonzernen, sondern den Bäuerinnen und Bauern, die die Welt ernähren. Dankbarkeit folgt der Logik des Teilens und nicht der Akkumulation.6

  1. Andrea Bieler / Luise Schottroff: Das Abendmahl. Essen, um zu leben, Gütersloh 2007, S. 151.
  2. http://pfalz.brot-fuer-die-welt.de/uploads/tx_templavoila/Erntedank-danken_08.doc (11.09.2019) Vgl. auch Fulbert Steffensky: Schöne Aussichten. Einlassungen auf biblische Texte, Stuttgart 2006, S. 98.
  3. Vgl. Exodus 23,10f., Deuteronomium 15,1ff. und Levitikus 25,5 sowie Frank Crüsemann / Marlene Crüsemann: Sabbatjahr, in: Frank Crüsemann / Kristian Hungar / Claudia Janssen u.a.: Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, S. 495f.
  4. Gotthard Fuchs: Empfänger unbekannt? In: Christ in der Gegenwart 65 (2013), S. 287. Ähnlich Andrea Bieler und Luise Schottroff, die auf die Didache, eine frühchristliche Schrift aus dem 1. Jahrhundert, verweisen: «‹Du Herrscher, Allmächtiger, hast alles geschaffen um deines Namens willen, Speise und Trank den Menschen zum Genuss gegeben […].› Der Genuss von Essen und Trinken wird als Teil von Gottes Schöpfung begriffen. Nicht in erster Linie moralische Verpflichtung, sondern der Genuss bildet die Basis für Dankbarkeit.» (Andrea Bieler / Luise Schottroff: Abendmahl, S. 151.)
  5. Andrea Bieler / Luise Schottroff: Abendmahl, S. 142.
  6. Bildnachweise Titelbild: photocase/dotmatchbox; Bild1: iStock/RichVintage; Bild 2: iStock/OxanaMedvedeva; Bild 3: iStock/PeopleImages

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