Wirkende Worte

Worte sind nicht bloss Informationsträger. Sie bilden nicht nur ab, was ist. Worte haben eine verändernde Kraft und prägen das, was wir Wirklichkeit nennen, massgeblich mit. So ist auch die Bibel nicht nur aufgeschriebenes «Wort Gottes», sondern berichtet selbst von Worten, die etwas bewirkt haben.

Mit Worten hat Jesus von Nazareth Menschen begeistert und belebt: Er hat sie zu Umkehr und Glauben gerufen (Markusevangelium 1,15). Er hat ihnen Vergebung zugesprochen (Markus 2,5) und die Furcht genommen (Markus 6,50). Seine Worte «talita kum!» («Mädchen, steh auf!», Markus 5,41) und «effata!» («Öffne dich!», Markus 7,34) haben bewirkt, dass ein tot geglaubtes Mädchen wieder aufstand und Mund und Ohren eines Taubstummen sich öffneten. Jesus sandte seine zwölf Jünger aus, in seiner Nachfolge mit der gleichen Vollmacht zu sprechen. Wie er sollten sie die Nähe des Reiches Gottes in Worten und Taten bezeugen (Markus 6,6b–13).

Erfahrungen der Nähe Gottes blieben nach Jesu Tod am Kreuz nicht aus, und auch sein Wort verstummte nicht. Der Geist Gottes, den der Auferstandene seinen Jünger*innen zugehaucht (Johannesevangelium 20,22) und der im Pfingstereignis zahlreiche Menschen ergriffen hatte (Apostelgeschichte 2,1–4), liess Jesu Nachfolger*innen das Erlebte unerschrocken weitersagen. Die neutestamentlichen Briefe und die Apostelgeschichte bezeugen, dass die Botschaft Jesu Christi befreiend und heilsam präsent blieb und weiterhin Menschen bewegte.

Doch was bewirkt Jesu Botschaft, dass Gottes Reich schon jetzt im Anbrechen ist, heute noch? Welche Erwartungen haben wir an die Worte, die wir aus dem Glauben heraushören und selbst sprechen?

Machtvolles Sprechen

Gesprochene Worte sind im semitischen Kontext des Alten Testaments wie auch im hellenistischen Kontext des Neuen Testaments mit Macht verbunden. Wo etwa ein Herrscher durch seine Boten einen Erlass verlautbaren lässt, da tritt dieser in Kraft. Denn im verkündeten Wort des Herrschenden – wie übrigens auch in seiner Abbildung (Statue etc.) – ist dieser vor Ort präsent. In diesem Sinne ist auch das Sprechen der biblischen Prophet*innen zu deuten: Als Boten, die in fremder Autorität sprechen, wissen sie sich von Gott – also von der höchsten denkbaren Autorität – berufen und gesandt. Daher kann nicht folgenlos bleiben, was Prophet*innen verkünden. Diese Überzeugung wird auch in einem Gotteswort des Propheten Jesaja vertreten:

«Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.» (Jesaja 55,10-11)

Die Vorstellung, dass Worten eine gestaltende Macht innewohnt, trat in der Geschichte der Kirche lange Zeit in den Hintergrund. Vor allem mit Augustinus wurde der Fokus ganz auf den Sinngehalt von Worten gerichtet: Worte stehen für etwas, sie stellen eine Sache oder einen Sachverhalt dar. Dass sie selber auch effizient sein und etwas herstellen können, geriet aus dem Blick. Im Zuge der Reformation besann man sich zwar wieder auf die Kraft von Worten, allerdings richtete sich das Interesse hauptsächlich auf das biblisch überlieferte und in der Predigt zu verkündende Wort Gottes.

Gelb (Jannis Kounellis)

Dass auch Menschenworte eine wirklichkeitsverändernde Kraft haben (können), hat in den 1950er Jahren der Sprachphilosoph John L. Austin (1911-1960) wieder ins Bewusstsein gerückt.1

Seine sogenannte Sprechakttheorie entwickelte er ausgehend von der Beobachtung, dass Menschen in ihrem Alltag mittels Worten handeln und Taten ausführen: Bei einer Schiffstaufe, im Rahmen einer Wette oder wenn ein Mensch einem anderen ein Versprechen gibt, kommen stets Gegebenheiten durch Worte zustande. Austin kam im Zuge seiner Forschungen immer stärker zu der Überzeugung, dass Menschen mit ihren Worten nie nur beschreiben, sondern immer auch handeln.

Menschenworte und das Wort Gottes

Wo Menschen sprechen, geschieht viel – Gutes wie Schlechtes, je nachdem, welche Worte gesprochen werden. Mit Worten kann ein Krieg begonnen oder Frieden geschlossen werden. Worte bewegen mich zu handeln oder innezuhalten. Ein Wort kann trösten oder verletzen. Freundschaften werden durch Worte vertieft oder belastet. In all dem gilt: Ein Wort bleibt nicht ohne Folgen. Die Wirklichkeit wird durch das Wort mitgestaltet. Ein Wort hat also Kraft.

Wer das eigene Sprechen (wie auch das Handeln) am jüdisch-christlichen Glauben ausrichten möchte, kommt nicht umhin, nach dem Wort Gottes, nach Gottes Sprechen zu fragen.

Das Wort Gottes, wie es in der Heiligen Schrift überliefert ist und dort insbesondere im Rahmen prophetischer Rede als solches vorgestellt wird, ist letztlich vor allem eins: Ansage einer Heilszukunft. Gott wendet sich – nicht zuletzt in seinem Sprechen – dem Menschen zu. Man könnte auch sagen: Gottes Heilszukunft kommt im Wort zu den Menschen, zumal Menschen als geistige Wesen massgeblich über die Sprache ansprechbar sind.

Wäre Gottes Wort allerdings rein geistiger Natur, so bestünde die Versuchung, dieses Wort auf den Intellekt zu reduzieren. Menschen haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass Gottes Wort, also die Ansage seiner Heilszukunft, in der Geschichte nicht nur laut sondern auch erfahrbar geworden ist. Vor allem im Leben von Jesus von Nazareth hören und sehen Gläubige Gottes Wort verwirklicht. Dies hat sie dazu bewegt, Jesus Christus selbst als «Wort Gottes» zu bezeichnen. Damit ist die Aussage verbunden: Das Wort Gottes (und in ihm Gott selbst) geht so tief in die Wirklichkeit dieser Erde ein, dass es «Fleisch» wird und unter den Menschen wohnt (vgl. Johannesevangelium 1,14). In diesem konkreten Menschenleben hat Gottes Wort leibhaftig Gestalt angenommen und Menschen angesprochen. Demnach lässt sich auch sagen: Jesus von Nazareth ist in seinem irdischen Leben zum sicht- und greifbaren Zeichen dafür geworden, dass Gottes Wort tatsächlich eine frohe Botschaft, ein «Evangelium» (Markusevangelium 1,1) ist. Seine Verkündigung wie sein Handeln zeugen vom wirksamen Sprechen Gottes und somit von Gottes Gegenwart. Denn die von Gott verheissene Heilszukunft ist in Jesu Tun und Reden angebrochen und so für die Menschen um ihn herum Wirklichkeit geworden.

Geist und Leben

Für das Wirksamwerden eines Wortes reicht es nicht, wenn es ausgesprochen wird. Es muss auch gehört und aufgenommen werden. Sprache vollzieht sich im Kontext von Beziehung – oder aber eine Beziehung kommt durch Worte erst in Gang. Auf jeden Fall kommen Menschen und ihre Worte ins Spiel, wenn vom Wort Gottes die Rede ist, weil dieses immer durch Menschen an Menschen ergeht. Woran zeigt sich nun aber, ob in einem Menschenwort Gottes Wort mitschwingt?

Zunächst gilt es festzuhalten, dass Gott nicht nur im Wort – sozusagen von aussen – an den Menschen herantritt. Seine Heilszusage hat Gott mit der Gabe seines Geistes bereits wahrgemacht. So bezeichnet der Apostel Paulus in einem seiner Briefe diesen göttlichen Geist als «ersten Anteil» am verheissenen Heil (2. Korintherbrief 1,22). Der Heilige Geist, in dem Gott selbst präsent ist, ist den Glaubenden schon jetzt gegeben (vgl. Römerbrief 5,5). An den «Früchten» kann man das Wirken des Geistes in der Welt und auch in Menschenworten erkennen. Zu den Früchten des Geistes zählt Paulus unter anderem Liebe, Freude und Frieden (vgl. Galaterbrief 5,22).

Liebe

Wo Worte bei den Hörenden Liebe, Freude, Frieden hervorrufen, da kann der Geist Gottes nicht fern sein. Glaubenssprache kann in diesem Sinne eine verändernde Kraft haben. Diese Kraft erweist sich dort, wo es Worten gelingt, Bewegung, Inspiration, Leben wahr zu machen. Indem dies geschieht, werden die irdischen Realitäten um die Dimension des Reiches Gottes bereichert. Ein Wort wird so als Wort des Lebens vernommen – und im Kontext kirchlichen Sprechens als «Wort des lebendigen Gottes» gedeutet.

Wer mit Gottes Wort in Menschenworten heilsame und befreiende Erfahrungen gemacht hat, ist aufgerufen, dem Gehörten und Erlebten im eigenen Sprechen Raum zu geben. Auf diese Weise entfalten Worte ihre Wirkung – tröstend, ermutigend, vergebend, bestärkend, belebend…

  1. Vgl. John L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny, Stuttgart 21998.

     

    Bildnachweise. Titelbild: unsplash, Brett Jordan / Bild 1: Hamsta, photocase.de / Bild 2: Jannis Kounellis, Untitled (Giallo) 1965, aufgenommen in der Fondazione Prada, Venedig 2019 / Bild 3: David-W, photocase.de / Bild 4: iStock, cglade

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