Weihnachten: Gott – von Mensch zu Mensch

Weihnachten steht für den Glauben, dass Gott uns ganz nahe sein, uns von Mensch zu Mensch begegnen will. Wie kamen die Menschen zur Zeit Jesu zu diesem Glauben und wie können wir heute daran teilhaben?

In altorientalischen Religionen wurde Gott häufig in der grössten Macht gesehen: Pharaone, Könige und Hohepriester repräsentierten die Gottheiten, welche in prächtigen Tempeln präsent waren. Die Menschen mussten sich mit diesen als Macht verstandenen Gottheiten arrangieren: ihren stellvertretenden Königen Tribute und Steuern bezahlen, den Gottheiten in den Tempeln Opfer bringen, um sich mit ihnen zu versöhnen.

Umkehrung des Gottesbildes

Die Christusgläubigen stellten diese religiösen Vorstellungen ihrer Zeit in zweifacher Hinsicht auf den Kopf: Nicht die Menschen müssen sich mit Gott versöhnen, sondern Gott versöhnt sich mit den Menschen. Indem Gott Mensch wird, zeigt sich Gott ganz und gar solidarisch mit den Menschen, teilt ihr Schicksal, bietet ihnen ein versöhntes Leben an, auf dass sich die Menschen je mit sich selber und untereinander versöhnen («und Friede auf Erden, den Menschen seines Wohlgefallens», lässt das Lukasevangelien die Engel verkünden).

Nicht in Macht und Pracht ist Gott präsent, sondern in einem Kind in der Krippe und damit im Verletzlichen, Zärtlichen und auch im Ohnmächtigen: Wer ist mehr auf die Hilfe und Unterstützung anderer Menschen angewiesen als ein neugeborenes Kind?

Ein neuer Weg

Dieser neue Weg des Glaubens, entsprang der Begegnung mit dem erwachsenen Rabbi Jesus von Nazaret. Viele Menschen, die ihm begegneten, kamen zur Überzeugung, dass er der «Gesalbte Gottes» ist (auf Griechisch: Christus; Hebräisch: Maschiach/Messias). Sie sagten sich, etwas modern formuliert: Wenn uns Gott überhaupt erscheinen kann, dann erschien uns Gott in dem Rabbi Jesus von Nazaret. Warum? Weil in Jesus von Nazaret erfahrbar wurde, dass es bedingungslose Liebe gibt: Denn Jesus begegnete allen Menschen in vorbehaltloser Nächstenliebe, in unbedingtem Wohlwollen. In Wort und Tat gab Jesus besonders auch jenen Menschen ihre Würde zurück, die von anderen verachtet wurden: Zöllnern – damals verhasst, weil korrupt. Prostituierten – damals wie heute zumeist missachtet und missbraucht. Sünder*innen – jene, die nicht den religiösen oder sozialen Normen entsprachen. Sie alle erfuhren in der Begegnung mit Jesus von Nazaret das, was der evangelische Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger in folgende Worte fasst:

Gott, wo wir uns
von Mensch zu Mensch begegnen
und ich Dir sagen kann:
«Mensch du, mir geht’s nicht gut»,
wirst Du so greifbar
in meinem Alltagsleben.
Und deine Hand auf meiner Schulter
macht mir Mut.

Gott, wo wir uns
von Mensch zu Mensch begegnen
und ich in Dir erkenne,
wie ein Mensch sein kann,
beginnt mein Eindruck von Dir,
etwas zu bewegen,
und dieses Etwas fängt zu lieben an.

Gott, wo wir uns
von Mensch zu Mensch unterhalten,
stelle ich fest,
dass du die Wahrheit triffst;
und damit meinen Stolz
und meine Vorbehalte,
die du wie alte Türen
aus den Angeln hievst.

Gott, weil wir uns
von Mensch zu Mensch begegnen,
Du Unfassbarer wirst fassbar
und so klein,
kann grad in Kleinigkeiten
sich noch etwas regen,
denn grad im Kleinen
willst Du sein.

Clemens Bittlinger

Lebensverändernde Kraft – Gottes Kraft

In der Begegnung mit dem historischen Jesus von Nazaret erfuhren viele Menschen diese lebensverändernde Kraft: Wenn sie geheilt wurden. Wenn ihnen die Augen geöffnet wurden und sie für sich den Sinn des Lebens erkannten. Wenn sie die Kraft fanden, von falschen Wegen umzukehren. Wenn ihnen aufgrund von Jesu Worten ein Licht aufging und sie plötzlich wieder an das Gute im Menschen und an einen guten Gott glauben konnten. Wenn sie beim gemeinsamen Feiern, Essen und Trinken eine tiefe Gemeinschaft erfuhren und – trotz aller Armut, trotz aller Zerrissenheit der Welt – die «Fülle des Lebens» dankbar geniessen lernten. In all dem und in vielem mehr deuteten und erkannten sie Gottes Kraft, Gottes Gegenwart.

Sinn der Geburtserzählungen

Um die Überzeugung auszudrücken, dass Jesus der Christus, der Messias ist, formulierten das Matthäus- und das Lukasevangelium eine Geburtserzählung für Jesus von Nazaret.1 Dies obwohl nur etwa drei Jahre des erwachsenen Jesus von Nazaret sowie sein Tod am Kreuz als historisch gesichert / nachvollziehbar gelten können (das älteste Evangelium, das Markusevangelium, beginnt mit der Taufe des erwachsenen Jesus von Nazaret2).

Mit den Geburtserzählungen wollen das Matthäus- und Lukasevangelium nicht berichten, wie die Geburt Jesu historisch geschehen war. Sie wollen vielmehr mit ihrer Geburtserzählung die Bedeutung des erwachsenen Jesus von Nazaret hervorheben, denn in diesem erkannten und glaubten sie den Christus, den Messias / Gesalbten Gottes. Die Geburtserzählungen sind also im Rückblick auf das Leben, Wirken und Sterben Jesu sowie auf die Auferstehungshoffnung geschrieben, um die Bedeutung des Jesus von Nazaret zu betonen.

Die Könige und der Christus

Für die Geburtserzählung Jesu nehmen die Evangelisten viele Motive auf, die sonst über Könige und Kaiser erzählt werden. Damit sind die Evangelien herrschaftskritisch: Nicht in den Königen und Kaisern ist Gott präsent, sondern gerade in dem Jesus von Nazaret, den die religiös und politisch Mächtigen ans Kreuz schlagen liessen. Dass es dem Matthäus- und dem Lukasevangelium um Sinndeutung und nicht um historische Berichte geht, zeigen auch die grossen Unterschiede ihrer Erzählungen und die unterschiedlichen Königs-Motive, die sie benutzen.

Von Sternen, Magiern und der Flucht (Matthäusevangelium)

Das Matthäusevangelium erzählt nichts von einer vollen Herberge, der Krippe und den Hirten. Dafür erzählt es, dass «Sterndeuter aus dem Osten» einen Stern sahen, diesem folgten und dadurch das neugeborene Kind fanden, dem sie huldigten (Matthäusevangelium 2,1-12).

Sterne und ihre Symbolik spielten in den Religionen des Alten Orients und bei deren Königen eine wichtige Rolle. So wurden beispielsweise in der griechischen Götterwelt die Sterne Kastor und Pollux (Sternzeichen Zwillinge) seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. als Nothelfer und Heilsbringer verehrt. König Alexander der Grosse, der 333-323 v. Chr. an der Macht war und das griechische Weltreich gründete, nahm diese Symbolik für sich in Anspruch und liess sich mit einem Stern über dem Kopf darstellen. Ihm folgten verschiedene Machthaber, unter anderem der römische Kaiser Augustus und König Herodes in Jerusalem.

Wenn nun das Matthäusevangelium erzählt, dass ein Stern über dem neugeborenen Jesus stehen bleibt, so wird damit ein ganz anderer «König» als Nothelfer und Heilsbringer bezeichnet. Dass die Sterndeuter oder Magier (jedenfalls keine Könige) aus dem «Osten» kommen, will sagen, dass auch nichtjüdische Menschen in Jesus den Retter erkennen.

Wenn Josef zusammen mit Maria und Jesus nach Ägypten flieht, so ist das eine Anspielungen auf die Mose-Erzählung: In der Mose-Erzählung werden die Israeliten in Ägypten durch den Pharao unterdrückt. In der Geburtserzählung des Matthäus werden sie jedoch vom eigenen König Herodes unterdrückt. Beide Herrscher lassen Menschen / Kinder ermorden, weil sie sich an ihre Macht krallen. Das Matthäusevangelium formuliert damit eine knallharte Kritik an Herodes dem Grossen und implizit an allen anderen Gewaltherrschern: Sie bringen nicht Frieden, sondern Zerstörung und Leid. Jesus hingegen ist ganz und gar solidarisch mit dem jüdischen Volk. Er vollzieht schon als Kind das Schicksal des jüdischen Volkes nach: die Flucht vor Unterdrückung und die Erfahrung, von Gott gerettet zu werden.

Fortsetzung folgt in diesen Tagen.

  1. Vgl. Matthäusevangelium 1,2–2,23; Lukasevangelium 1,5–2,52; für bibelwissenschaftliche Auslegungen und historische Hintergründe vgl. z.B. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus, Bd. 1 Mt 1–7 (EKK 1,1) Zürich / Neukirchen-Vluyn 4. Aufl. 1997; François Bovon: Das Evangelium nach Lukas, Bd. 1 Lk 1,1–9,50 (EKK 3,1), Zürich / Neukirchen-Vluyn 1989.
  2. Vgl. Markusevangelium 1,1–13; die wissenschaftlichen Grundlagen zum historischen Jesus nennen Gerd Theißen / Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 4. Aufl. 2011.

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