Bitte!

Im Gebet findet vor Gott Ausdruck, was dem Menschen auf dem Herzen liegt. Ein solches Herzensanliegen kann in Worte gefasst oder in Stille meditiert werden. Es kann aber auch Ausdruck finden in Bewegungen, Musik- oder Farbtönen.

Ein Gebet muss in keine fixe Form hineinpassen. Doch es gibt Gebetsformen, in die sich Beter*innen seit Generationen einfinden: Jubelnd, singend und tanzend bringen Menschen Dankbarkeit zum Ausdruck – wie etwa Mose und Mirjam, nachdem dem Volk Israel die Flucht aus Ägypten gelungen ist (Exodusbuch 15). Seufzend und mit ihrem Schicksal hadernd wenden sich Menschen in Form einer (An-)Klage an Gott – Ijob (Hiob) ist wohl das bekannteste biblische Beispiel dafür (Ijobbuch 3).

Piotr Stachiewicz, das Gebet des Herrn, Pilger (1908)

Vielfach sind Gebete mehr als Ausdruck einer persönlichen Befindlichkeit. Gott wird nicht nur mit der eigenen menschlichen Situation konfrontiert, sondern auch um etwas gebeten: dass die erlebte Heilserfahrung anhalten möge – oder aber dass die aktuell missliche Lage ein rasches Ende finde. Wer Gott um einen «Gefallen» bittet, kann sich fragen: Welche Art von Eingreifen in meine Situation traue ich Gott tatsächlich zu? Wer ist Gott für mich – und wer bin ich für Gott?

«Bitte» heisst das Zauberwort, wenn ich etwas von jemandem möchte. Das lernen Kinder schon in jungen Jahren. Ist das bei Gott auch so? Immer wieder machen Menschen die Erfahrung, dass das von Gott Erbetene nicht eintrifft. Man ist geneigt, die Ursache zu suchen – und zu finden: Waren meine Worte zu wenig fromm? Vielleicht wurde meine Bitte nicht erhört, weil ich (noch) nicht genug glaube und vertraue? Möglicherweise habe ich um etwas gebeten, das mir nicht zusteht oder am Ende nicht gut für mich ist. Solche Fragen und Zweifel suchen den «Fehler» beim Menschen: Es liegt an mir, dass das mit dem Bittgebet nicht klappt.

Es lohnt sich, nicht dabei stehen zu bleiben, sondern auch auf Gott, den Gebetenen zu schauen: Was will – und was kann – Gott mir geben? Wenn mein Anliegen ist, dass ich den Zug noch erreiche oder dass mein Äusseres weniger schnell altert, ist Gott möglicherweise die falsche Instanz. Wo Gott zu meinen Gunsten die Naturgesetze kurzfristig aushebeln sollte, erwarte ich ein Wunder im Sinne eines Mirakels. Gott wird zum Automaten, der das Passende ausspuckt, wenn ich nur das Richtige einwerfe.

Dennoch kommt es vor, dass die Angst, den Zug zu verpassen, in meinem Beten Platz bekommt. Ich erwarte dann von Gott aber nicht, dass zu meinen Gunsten eine Kette von Verspätungen und Zugsausfällen ausgelöst wird. Indem ich meine Sorge ins Gespräch mit Gott bringe, erfahre ich, dass sie eingebettet und manchmal sogar relativiert wird: Ich bin vor Gott so, wie ich bin, mit dem, was mich gerade beschäftigt und belastet. Alles darf Platz haben – auch mein Anliegen, der Zeitplan möge irgendwie noch aufgehen. Nicht nur der Wunsch, auch die Freude und Erleichterung, die ich verspüre, wenn ich dann tatsächlich im Zug sitze, findet dann Raum in der Gottesbeziehung. Ich kann Gott gegenüber Dankbarkeit ausdrücken – auch wenn Gott nicht im Einzelfall die «Finger» direkt im Spiel hatte. Ich tue dies vor Gott als dem Ursprung meiner Existenz, der Begleitung auf meinem Weg und der Kraft meines Lebens. Liegt nicht darin das eigentliche Wunder, dass ich vor Gott immer wieder auch meine ganz alltäglichen Freuden und Sorgen ausbreiten und mit diesem Gott «auf Du» sein darf?1

James E. Allen, Gebet für Regen (1938)

Wenn ich Gott in einer konkreten Lebenssituation um etwas bitte, dann äussert sich in dieser Bitte mein Vertrauen, dass das Hier und Jetzt nicht alles ist. Ich hoffe über die Situation hinaus und setze darauf, dass meine Gottesbeziehung der Rahmen ist, der darüber hinaus Bestand hat und Halt gibt. Innerhalb dieses Rahmens – so könnte man sagen – spielt sich mein Leben ab. Nicht nur sogenannte Sternstunden und erlesene Momente wie etwa der einstündige Gottesdienst am Sonntagmorgen haben im Umkehrschluss mit Gott zu tun. Auch der ganze Kleinkram des Alltags – Rechnungen, Haushalt, Sozialkontakte – lässt sich dann irgendwie mit Gott in Verbindung bringen.

Jesus hat seine Jünger*innen ermutigt, Gott nicht nur um das kommende Himmelreich, sondern auch um das tägliche Brot zu bitten (vgl. Matthäusevangelium 6,11). Gott lässt sich ansprechen und in Anspruch nehmen von der konkreten Not der Menschen. Nicht nur hohe geistliche Ziele sind Gottes würdig. Doch die Praxis des Bittgebets um die vielen grösseren und kleineren Dinge mag bereits darin ihre Erfüllung finden, dass das grosse Ganze des eigenen Lebens vor Gott Gehör und Ansehen findet. Beten lässt sich demnach umschreiben als «der geistliche Weg, vom vielen Nötigen zu dem einen Notwendigen zu finden und es zu empfangen»2 .

Worte – und damit auch in Sprache gefasste Gebete – haben eine performative Dimension.3 Das bedeutet, dass Worte die Wirklichkeit gestalten, sobald sie ausgesprochen werden. Im Alltag gibt es zahlreiche Situationen, die diesen Sachverhalt aufzeigen: Wenn mir etwa jemand ein Kompliment macht, gehe ich fortan selbstbewusster durch den Tag. Wenn es mir gelingt, einen schwelenden Konflikt anzusprechen, kann das der erste Schritt zur Entspannung der Lage sein. Übertragen auf das Bittgebet hiesse das, dass mit dem Aussprechen einer Bitte die Situation für mich bereits in ein anderes Licht gerückt werden kann. Vielleicht verändern sich auch meine Prioritäten, während ich mir selbst beim Beten und Bitten zuhöre.

Caravaggio, Der Heilige Franziskus im Gebet (1606)

So betrachtet und gepflegt, könnte das bittende Gebet auch noch in einem anderen Sinne einen Rahmen bilden: Beim Beten kann ich meine Wünsche vor mir selbst auf die Probe stellen, indem ich sie ausspreche. Ich kann so in einem geschützten Rahmen selbst erfahren und erproben, was meine Not beim Erzählt-Werden auslösen kann und wie mein Begehren «klingt». Es kann sein, dass sich mein Beten durch diese Erfahrung verändert und ich immer klarer den Fokus meiner Bitten finde und diese auch gegenüber meinen Mitmenschen überzeugter ausdrücken kann. Es kann auch sein, dass mich das Aussprechen meiner Wünsche vor Gott dafür sensibilisiert, im Alltäglichen den Weg ihrer Erfüllung zu entdecken. Und viele meiner Bitten werden mich wohl weiter begleiten, beschäftigen und belasten. Ich will nicht müde werden, sie vor Gott zu bringen – im Vertrauen darauf, dass sie dort Gehör finden. Ob und inwiefern sie bei Gott auch Erhörung finden, kann ich nicht ermessen. Es muss mir reichen, im Gebet einen Ort zu haben, den ich jederzeit aufsuchen kann und wo ich alle meine Bitten aufgehoben wissen darf.

Jean-François Millet, das Angelusläuten (1859)

Der Ruf «Bitte!» ist nicht eindeutig. Er ist einerseits mit einer Aufforderung verknüpft: «Tu bitte dies oder jenes!». Er wird andererseits aber auch benutzt, um jemanden aufzufordern, den freien Raum und Rahmen in Beschlag zu nehmen: «Bitte, Sie haben das Wort!». In diesem Sinne bittet mich Gott und gibt mir das Wort sowie einen sicheren Rahmen, in dem ich mein Befinden entfalten kann –  auch in Form einer Bitte.

  1. Vgl. dazu Isabelle Senn, Betend Gott begegnen, auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/05/29/betend-gott-begegnen/ (19.6.21).
  2. Jürgen Werbick, Von Gott sprechen an der Grenze zum Verstummen, Münster 2004, 183.
  3. Vgl. dazu Isabelle Senn, Wirkende Worte, auf: https://glaubenssache-online.ch/2020/11/11/wirkende-worte/ (19.6.21).

     

    Titelbild: Tehzeeb Kazmi, unsplash; Bild 1: Piotr Stachiewicz, das Gebet des, Pilger. Pastell auf Karton (1908). Silesian Museum Katowice (Polen); Bild 2: Jeremy Yap, unsplash; Bild 3: James E. Allen, Gebet für Regen, Lithografie (1938), Smithsonian American Art Museum; Bild 4: Henrikke Due, unsplash; Bild 5: Caravaggio, der Heilige Franziskus im Gebet, Öl auf Leinwand (1606), Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom; Bild 6: Jean-François Millet, das Angelusläuten, Öl auf Leinwand (1859), Musée d’Orsay Paris

     

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