Das Johannesevangelium

«Im Anfang war das Wort …» Das ist der Beginn der Jesusgeschichte nach dem Johannesevangelium. Es verankert die Jesusgeschichte in einem Ur-Anfang bei Gott, zeichnet dann den Weg Jesu unter den Menschen nach und lässt ihn am Ende wieder zu Gott zurückkehren. «Es ist vollbracht …» ist deshalb nach Darstellung des Johannes das letzte Wort Jesu vor seinem Tod.

Schon diese wenigen Eindrücke zeigen: Das Johannesevangelium hat einen ganz eigenen Blick auf Jesus und die Jesustradition. Natürlich gibt es auch zahlreiche Ähnlichkeiten mit den anderen drei Evangelien, zum Beispiel eine Brotvermehrungsgeschichte, eine Erzählung, wie Jesus über das Wasser geht, oder auch, wie er aus der Ferne den Sohn eines königlichen Beamten heilt. Auch der Tod Jesu am Kreuz und seine Auferweckung durch Gott verbindet das Johannesevangelium mit den anderen Evangelien. Neben solchen Parallelen gibt es aber zahlreiche Unterschiede. Jesus spricht und handelt anders als in den anderen drei Evangelien, er trägt andere Titel und wird mit anderen Bildern beschrieben, und nicht zuletzt setzt er in seiner Botschaft deutlich andere Akzente als der Jesus im Markus-, Matthäus– und Lukasevangelium.1

Ich bin … das Brot des Lebens …

Das Fleisch gewordene Wort

Das Werk setzt mit einem poetischen Text ein, der auch als «Prolog» des Johannesevangeliums bekannt (Johannesevangelium 1,1-18) und ein Stück Weltliteratur geworden ist. Vielen Menschen ist dieser Prolog in ihrer persönlichen Spiritualität sehr nah, und Dichter und Schriftstellerinnen wie Johann Wolfgang von Goethe oder Rose Ausländer haben sich von dem Text für ihr Werk inspirieren lassen. Er setzt mit einem urzeitlichen Anfangsgeschehen bei Gott ein:

«Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.» (Joh 1,1)2

Wer die Bibel von vorne gelesen hat, fühlt sich dabei zu Recht an den allerersten Anfang, die erste Schöpfungsgeschichte, erinnert (Genesis 1,1). Erst im weiteren Verlauf des Textes zeigt sich, um wen es im Prolog geht:

«Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.» (Joh 1,14)

Ich bin … das Licht der Welt …

Obwohl der Name noch nicht genannt wird, wird immer deutlicher, dass mit diesem «Wort» – griechisch: logos – niemand anderes als Jesus gemeint ist. Sein Ursprung gründet im Ur-Anfang bei Gott, seine Bedeutung wird als Licht und Leben für die Menschen beschrieben, sein Weg als Weg zu den Seinen, die ihn allerdings zum Teil weder erkennen noch aufnehmen. Doch diejenigen, die in dem Prolog zu Wort kommen, haben ihn erkannt und verstanden, dass er das Fleisch gewordene Wort ist, das unter den Menschen gewohnt – wörtlich: gezeltet – hat. So wie Gott in der alttestamentlichen Exodusgeschichte im Zelt anwesend ist und sich zeigt, so ist das Fleisch gewordene Wort der Ort der Gegenwart und Erfahrbarkeit Gottes, genauer: der Herrlichkeit Gottes.

«Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.» (Joh 1,18)

In der Jesusgeschichte ist also Gott selbst vernehmbar, im Wort Jesu spricht Gott, in seinem Schicksal handelt Gott.

«Damit stellt er [= Johannes] heraus, dass in dem erniedrigten und getöteten Jesus Gott selbst zum Zug kommt, hier irdisch auf den Plan tritt. Von vornherein wird damit deutlich: Wer Jesus sieht und an ihn glaubt, glaubt nicht an ihn als ‹an einen besonderen Menschen, wie heilig er auch immer sei› [Charles Kingsley Barrett], sondern an den, der ihn gesandt hat, nimmt Jesus wahr als Ort der Präsenz Gottes.»3

Mit dem Prolog erhält die Jesusgeschichte des Johannesevangeliums eine Tiefendimension, die stets mitzudenken ist, wenn anschliessend die Geschichte des jüdischen Mannes Jesus gelesen wird. Leser*innen wissen nun um die Bedeutung Jesu und haben einen Schlüssel zum Verständnis des Johannesevangeliums erhalten.

Ich bin … die Tür …

Das öffentliche Wirken Jesu

Im Anschluss an den Prolog wird in einem ersten grossen Hauptteil des Buches bis zum Ende von Kapitel 12 vom öffentlichen Wirken Jesu erzählt. Dieser Teil beginnt mit dem Zeugnis des Täufers über Jesus, der auf ihn als «Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt» (Joh 1,29) verweist und ihn als «Sohn Gottes» (Joh 1,34) bekennt. So finden die ersten Jünger*innen zu Jesus und bilden eine erste Nachfolgegemeinschaft. Das erste öffentliche Zeichen Jesu geschieht bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1-12). In dem kostbaren Wein, der hier in Fülle fliesst, ist buchstäblich zu schmecken, dass in Jesus eine Zeit der überfliessenden Freude und des Heils angebrochen ist. Von jetzt an ist Jesus mit der Gruppe von Jünger*innen unterwegs. Im Unterschied zu den anderen drei Evangelien wandert er mehrmals zwischen Galiläa und Jerusalem hin und her, so dass viel mehr Episoden als in den anderen Evangelien in Jerusalem spielen, zum Beispiel die Heilung eines Gelähmten am Teich Betesda (Joh 5) oder die Heilung eines Blindgeborenen (Joh 9). Die wunderbaren Taten, die Jesus vollbringt, heissen nicht wie bei Markus «Machttaten», sondern «Zeichen». Sie weisen auf die besondere Bedeutung Jesu hin. Diese Bedeutung wird in langen Offenbarungsreden Jesu vertieft, die sich an einige dieser Zeichen anschliessen. Sieben solcher Zeichen werden im Johannesevangelium erzählt, und das hat einen besonderen Grund und ein Ziel:

«Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger*innen getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.» (Joh 20,30f)

Darum geht es also: Sehen, zum Glauben kommen – und dadurch das Leben in Fülle erhalten. So, wie es das Johannesevangelium Jesus sagen lässt:

«Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.» (Joh 10,10)

Ich bin … der Weg, die Wahrheit und das Leben …

Am Ende des ersten Hauptteils wird Bilanz gezogen. Sie fällt zum Teil kritisch aus: Viele können nichts mit Jesus anfangen und glauben nicht an ihn. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Menschen, die glauben, sogar unter den führenden Leuten. Der erste Hauptteil endet mit einem Aufruf Jesu, an ihn zu glauben, und in ihm an den zu glauben, der ihn gesandt hat, und so zum ewigen Leben zu kommen (Joh 12,37-50).

Das Wirken Jesu vor den Jünger*innen und die Rückkehr zum Vater

In Kapitel 13 beginnt der zweite grosse Hauptteil des Buches. Jetzt ist klar, dass «die Stunde Jesu» gekommen ist und er zum Vater zurückkehren wird. Das Johannesevangelium verschweigt den Tod Jesu am Kreuz nicht. Aber es versteht diesen Tod als eine Rückkehr Jesu zu Gott, seinem Vater, und als Verherrlichung des Vaters. Jesus geht im Johannesevangelium wissend in diesen Tod, er bleibt souverän bis zum Schluss und kann am Ende sagen: «Es ist vollbracht» (Joh 19,30). Aus seiner Seite fliessen Blut und Wasser, und das zeigt: In seinem Tod ist Leben.

Bevor es so weit ist, wird allerdings zuerst noch einiges erzählt. Der zweite Hauptteil beginnt mit der Fusswaschung. So wie die drei anderen Evangelisten im Abschiedsmahl das Leben und Sterben Jesu verdichten und die Glaubenden beauftragen, dies weiterhin zu seinem Gedächtnis zu tun, so verdichtet Johannes das Leben und Sterben Jesu in der Fusswaschung. Darin deutet er das Leben und Sterben Jesu als dienende und sich hingebende Liebe und formuliert den Auftrag an die Jünger*innen, Jesus zum Vorbild zu nehmen und einander ebenso zu dienen wie er ihnen gedient hat. Es folgen lange Abschiedsreden Jesu, in denen er nochmals seinen Weg vom Vater in die Welt und wieder zurück zum Vater erklärt. Ausserdem wird der Blick voraus geworfen auf die Zeit, in der die Glaubenden ohne den «irdischen» Jesus leben müssen. Ihnen wird ein «Beistand» verheissen, der ihnen helfen wird, das Leben im Glauben zu meistern (Joh 14–17).

Ich bin … die Auferstehung und das Leben …

Beim Prozess vor Pilatus geht es um das Königsein Jesu. In aller Erniedrigung ist er doch der wahre König. Pilatus, schwankend zwischen Jesus auf der einen Seite und den Anklägern auf der anderen Seite, gibt ihn am Ende zur Kreuzigung frei. Doch der Tod hat nicht das letzte Wort: Maria aus Magdala findet das Grab leer. Sie ist die erste, der der Auferstandene erscheint, und sie ist es, die die Auferstehungsbotschaft zu den anderen bringt (Joh 20,11-18). Dies hat ihr in der kirchlichen Tradition den Titel «Apostola Apostolorum», Apostelin der Apostel, eingebracht.4 Danach erscheint der Auferstandene der Jünger*innengruppe in Jerusalem, zuerst ohne Thomas und dann ein zweites Mal, damit auch Thomas zum Glauben kommen kann: «Mein Herr und mein Gott» (Joh 20,28).

Das Evangelium findet einen ersten Abschluss in Joh 20,20f. Das Kapitel 21 mit einer weiteren Erscheinung des Auferstandenen vor der Jünger*innengruppe, dieses Mal am See Gennezaret in Galiläa, ist wahrscheinlich erst etwas später hinzugefügt worden.

Andere Zeiten, andere Orte

Das Johannesevangelium ist später als die anderen drei Evangelien entstanden, wahrscheinlich erst gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. und wahrscheinlich zunächst in einer ersten Fassung, die dann nochmals erweitert wurde, unter anderem um das Kapitel 21. Auch die drei Johannesbriefe, die im Neuen Testament zu finden sind, gehören zu diesem Milieu, in dem die beiden Fassungen des Johannesevangeliums entstanden sind.

Wahrscheinlich kannten die Verfasser die Traditionen über Jesus, die in den anderen Evangelien erzählt werden; doch nahmen sie keines der anderen Evangelien direkt als Vorlage, sondern fanden ihren eigenen Weg, ihre Jesusgeschichte zu erzählen. Das Werk selbst führt seine Jesusüberlieferung auf den «Jünger, den Jesus liebte» zurück (Joh 21,24f). Dieser Jesusjünger, der nur im Johannesevangelium erwähnt wird, bleibt im gesamten Evangelium ohne Namen. Er wurde bereits in der frühkirchlichen Tradition mit dem Johannes aus dem Zwölferkreis Jesu identifiziert und als Verfasser des Werkes angesehen. Doch dies ist historisch nicht zu halten. So bleibt es ein Rätsel, wer dieser «Jünger, den Jesus liebte,» war und wer das Evangelium verfasste.

Wahrscheinlich ist die erste Fassung des Werks im nördlichen Ostjordanraum entstanden, wo die Gemeinde in schmerzhaften Konflikten mit der Synagoge stand. Das ist wohl der Grund dafür, warum «die Juden» im Johannesevangelium so negativ dargestellt werden. Damit müssen wir in der Auslegung sorgfältig umgehen und dürfen die zum Teil heftigen antijüdischen Ausfälle nicht einfach ungebrochen übernehmen. Wahrscheinlich ist ein Teil der Johannesgemeinde wegen des Zerwürfnisses mit der Synagoge nach Kleinasien ausgewandert, wo dann sowohl die Johannesbriefe, als auch die Schlussfassung des Evangeliums entstanden sind.

Ich-bin-Worte

Der Jesus des Johannesevangeliums verkündet nicht wie in den anderen drei Evangelien die nahe herangekommene neue Welt Gottes, das «Reich Gottes». Vielmehr verkündet er sich selbst als denjenigen, der von Gott, dem Vater, gesandt wurde und in dem Gott selbst zu erkennen ist. Jesus ist so sehr der Repräsentant des Vaters, dass er sagen kann:

«Ich und der Vater sind eins.» (Joh 10,30)

Dieser einzigartige Anspruch Jesu zeigt sich in besonderer Weise in den «Ich-bin-Worten». Einige dieser Bildworte sind sehr bekannt geworden: Jesus ist «das Brot des Lebens» (Joh 6,35.48.51), «das Licht der Welt» (Joh 8,12), «die Tür» (Joh 10,7.9), «die Auferstehung und das Leben» (Joh 11,25), «der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6). Diese Bilder bringen die Bedeutung Jesu für das Heil der Menschen ins Wort und verheissen den Glaubenden ewiges Leben (Joh 6,47.51; 11,25), Licht des Lebens (Joh 8,12), Rettung (Joh 10,9) und Zugang zum Vater (Joh 14,6). Dass dies keine blossen Behauptungen sind, veranschaulichen besonders die «Zeichen» Jesu: Die Erzählung über die Brotvermehrung (Joh 6,1-15) verweist auf ihn als «Brot des Lebens», die Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,1-41) auf ihn als «Licht der Welt», die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-44) auf ihn als «die Auferstehung und das Leben». Letztlich steht Jesus mit seinem gesamten Leben und Sterben für all dies ein.

Ich und der Vater sind eins

Das Johannesevangelium lädt dazu ein, sich auf diesen Jesus einzulassen, bei ihm zu bleiben und sich selbst auf den Weg der dienenden Liebe zu machen. Dies soll eine Nachfolgegemeinschaft im Sinne des Johannesevangeliums kennzeichnen. Das ist der Kirche bis heute ins Stammbuch geschrieben.

  1. Vgl. ausführlich zum Johannesevangelium Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (STh 2,1), Zürich 2015, S. 271-322.
  2. «Joh» ist die Abkürzung für «Johannesevangelium» und wird im Folgenden bei Stellenangaben gebraucht.
  3. Klaus Wengst: Das Johannesevangelium, 1. Teilband: Kapitel 1–10, Stuttgart 2000, S. 43.
  4. Vgl. André Flury: Maria Magdalena, auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/04/18/maria-magdalena (18.4.2019).

    Bildnachweise Titelbild: Miniatur aus dem Roman De La Rose (Jean de Meung/Guillaume de Lorris), Frankreich, 16. Jh., Alamy; Bild 1: Nordreisender, photocase.de; Bild 2: AleksandarNakic, iStock; Bild 3: kallejipp, photocase.de; Bild 4: axelbueckert, iStock; Bild 5: PeopleImages, iStock; Bild 6: Juanmonino, iStock.

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