Fürbitte: einander betend zugeneigt

Gott ist ansprechbar. Vom menschlichen Leben – von Freud wie Leid – lässt Gott sich berühren und bewegen. Das glauben Menschen, wenn sie beten. Und darauf hoffen sie, wenn sie Sorgen und Nöte vor Gott bringen: ihre eigenen und diejenigen ihrer Liebsten.

Glaube, Hoffnung und Liebe: Diese bilden nach der theologischen Tradition die drei göttlichen Tugenden. Die Trias geht auf den Apostel Paulus zurück. In einem Brief an die noch junge Gemeinde in Korinth fasst er mit der Formel «Glaube, Hoffnung, Liebe» zusammen, was den Gläubigen jetzt – in dieser Zeit, in diesem Leben – bereits geschenkt ist. Ihr Christsein können und sollen die Korinther*innen leben, indem sie ihr Tun und Lassen am Glauben, an der Hoffnung und an der Liebe ausrichten. Paulus belässt es jedoch nicht bei dieser Dreiheit, er erklärt auch gleich, welche der drei Tugenden die höchste ist: «Doch am größten unter ihnen ist die Liebe» (1. Korintherbrief 13,13).

An der Liebe zeigt sich, was im Grunde auch auf die Hoffnung und auf den Glauben zutrifft: Es geht nicht alleine. Für die Liebe braucht es mindestens zwei Personen: eine liebende und eine geliebte, wobei die geliebte im Idealfall ihrerseits liebt. Für das Wesentliche im Leben sind wir aufeinander angewiesen. Denn «keiner ist eine Insel». Zu diesem Fazit kommt der Trappistenmönch Thomas Merton (1915-1968) in seinen Betrachtungen über die Liebe.1

Im Leben wie im Glauben sind wir aufeinander bezogen, stehen in vielfachen Beziehungen. Niemand hat das Leben aus sich selbst. Auch für den Glauben gilt, dass es in der Regel andere Menschen sind, durch die wir einst Zugang gefunden haben zum Glauben und die unserem Glauben oft auch neue Impulse geben. Und indem wir leben, was wir vom Evangelium verstanden haben, tragen und prägen wir selber den christlichen Glauben weiter. Möglicherweise haben wir durch die Art und Weise, wie wir glauben und unseren Glauben pflegen, schon bei mehr Menschen etwas angestossen und in Bewegung gesetzt, als uns dies bewusst ist.

An der Liebe zeigt sich, was im Grunde auch auf die Hoffnung und auf den Glauben zutrifft: Es geht nicht alleine.

Weil keine*r eine Insel ist, lässt sich auch die Hoffnung schwer vorstellen ohne den Einbezug anderer Menschen. Unsere Liebe gilt nicht nur uns selbst und Gott, sondern auch vielen Mitmenschen. Ihnen gehört ein Platz in unserem Herzen. Folglich geht auch uns nahe, was sie bedrückt und belastet, und wir hoffen mit ihnen und für sie auf eine Verbesserung ihrer Situation. Stehen wir vor Gott, kommt nicht nur unser eigenes Leben im Gebet zur Sprache. So dicht unser Leben mit den Leben anderer verwoben ist, so deutlich klingen in unserem Beten auch Anliegen an, die nicht direkt die unseren sind, uns aufgrund unserer Liebe aber irgendwie zu eigen werden.

Die Verbundenheit unter den Menschen findet also nicht zuletzt Ausdruck im Gebet. Im Fürbittgebet haben die Nöte der Welt und ihrer Menschen einen besonderen Ort in der Liturgie. An dieser Stelle im Gottesdienst beten die versammelten Gläubigen nicht für sich selbst. Dieser Ort ist sozusagen den Abwesenden vorbehalten. Denn auch die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche, ist keine Insel. Dies zeigt nicht zuletzt der Alltag: Menschen pflegen in unserer Zeit miteinander Umgang unabhängig von Konfession, Religion und Weltanschauung. Die Kirche steht in Kontakt mit anderen Institutionen und übernimmt innerhalb der Gesellschaft an verschiedenen Stellen Verantwortung. Das Bewusstsein dieser Verbundenheit der Kirche mit der ganzen Menschheit kommt wohl am schönsten zum Ausdruck im Dokument «Gaudium et spes» des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965. Der Text beginnt programmatisch: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.»2

Die Verbundenheit unter den Menschen findet also nicht zuletzt Ausdruck im Gebet.

Nicht der Priester oder die Vorsteherin der Liturgie ist dafür vorgesehen, die Fürbitten der Gemeinde vor Gott zu bringen. Üblicherweise tun dies im Sonntagsgottesdienst die Lektorin oder der Lektor. Die Fürbitten werden in der Fachsprache auch «Allgemeines Gebet» oder «Gebet der Gläubigen» genannt. Darin drückt sich die Überzeugung aus, dass alle Jüngerinnen und Jünger Christi durch ihr Getauftsein berufen und befähigt sind, sich im Lobpreis und im Gebet für die Welt aktiv in die Liturgie einzubringen.

Wie aber vermögen nun Fürbitten Gott zu bewegen und die Welt zu verändern?3 Oder anders gefragt: Was geschieht, wenn die Not der Welt in der versammelten Gemeinde vor Gott zur Sprache kommt?

Zunächst manifestiert sich im Gebet für andere eine Solidarität, die sich – hoffentlich – nicht auf Worte beschränkt. Fürbitten sind gewiss kein Weg, sich selbst aus der Verantwortung für die Welt zu stehlen, weil die Sache ja nun bei Gott «deponiert» ist. Wer nicht bloss versucht, Gott ein konkretes Anliegen nahe zu bringen, sondern auch zulässt, dass die Auseinandersetzung mit «fremden» Nöten etwas mit einem selbst macht, wird verändert aus dem Fürbittgebet herausgehen: Indem ich anderen in meinem Gebet Platz einräume, vertieft sich auch meine Beziehung zu ihnen. Das wird insbesondere dann spürbar, wenn ich in einem persönlichen Verhältnis stehe zu den Menschen, für die ich bitte. Sobald ich betend Anteil nehme an ihrem Leid, werden diese «Anderen» Teil meines Lebens und meines Hoffens, damit aber auch Teil meiner Gottesbeziehung.4

Der Berner Pfarrer und Dichter Kurt Marti (1921-2017) hat treffende Wort gefunden, um auszudrücken, wie Fürbitte verstanden und praktiziert werden kann:
«Gebet als Fürbitte kann ein Versuch zur Bemächtigung, zur Fernlenkung anderer sein, aber auch eine Äußerung hilfloser Zärtlichkeit, der Wunsch, einen anderen Menschen und die Wege, die er geht, liebend zu meditieren.» 5

Sobald ich betend Anteil nehme an ihrem Leid, werden diese «Anderen» Teil meines Lebens und meines Hoffens, damit aber auch Teil meiner Gottesbeziehung

Einen anderen Menschen und sein Leben liebend meditieren: Auch das ist Ausdruck von Fürbitte. Denn wenn ich einem Menschen zugeneigt bin, so bin ich das zugleich liebend, glaubend und hoffend. Im Alltag mache ich mich für die Anliegen dieses Menschen stark und setze mich nach besten Kräften für sein Wohlergehen ein. Im Gebet, dem Ort meiner Zwiesprache mit Gott, kommt diese Zuneigung zur Sprache, auch angesichts ihrer Grenzen. Nicht nur, aber ganz besonders da, wo meine eigenen Möglichkeiten zur Hilfe ausgeschöpft sind, stelle ich Gott anheim, was meine*n Nächste*n und was dadurch auch mich belastet und bewegt.

Die Beziehung zu meinen Mitmenschen ist Dreh- und Angelpunkt meiner Fürbitte. Denn meine Betroffenheit, die durch die Notlage des/der Anderen ausgelöst wird, bewegt mich zum Gebet. Dieses mein Beten wiederum stärkt in mir den Sinn für die Verbundenheit mit diesem Menschen. Probieren Sie es selber aus!

 

 

  1. So der Titel seines Buches. Vgl. Thomas Merton, Keiner ist eine Insel. Betrachtungen über die Liebe, Zürich 1979.
  2. Zu finden unter: https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html (11.10.21).
  3. Vgl. dazu auch Isabelle Senn, Bitte!, auf: https://glaubenssache-online.ch/2021/06/29/bitte/ (11.10.21).
  4. Zur Beziehungsdimension des Gebets vgl. Isabelle Senn, Betend Gott begegnen, auf: https://glaubenssache-online.ch/2019/05/29/betend-gott-begegnen/ (11.10.21).
  5. Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz. Notizen, Frankfurt a. M. 71990, 117.

     

    Bildnachweise: Titelbild: Keystone / Bild 1: frau.L., photocase.de / Bild 2:  pamone, photocase.de

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