Die Heilung des blinden Bartimäus

In den Evangelien wird von vielen Krankenheilungen durch Jesus erzählt. Heute jedoch haben Menschen oft Mühe mit diesen Erzählungen, beispielsweise weil sie Menschen kennen, die eben gerade nicht geheilt wurden von ihrer Krankheit – trotz aller heutigen medizinischen Möglichkeiten und auch trotz allem Glauben und Beten.

Die Heilung des blinden Bartimäus ist die wahrscheinlich bekannteste Heilungserzählung im Neuen Testament (vgl. Markusevangelium 10,46-52). Bevor ich auf die heutigen Fragen zu sprechen komme, möchte ich auf die biblische Erzählung eingehen.

Die archäologische und altorientalische Forschung hat in den letzten hundert Jahren wiederentdeckt, dass es auch in Ägypten, Griechenland und im ganzen Alten Orient viele Erzählungen gibt, die von Heiler:innen berichten.1 Es gibt wohl in allen Zeiten und Kulturen Menschen, die eine heilende Begabung haben. Die Menschen, die Jesus begegneten, nahmen in ihm eine ganz besonders starke heilende Kraft Gottes wahr.

Heilquelle Wallfahrtsort Luthern Bad, Luzern. Foto: Martin Dominik Zemp

«Dein Glaube hat dir geholfen»

Im Vergleich zu den Erzählungen über andere Heiler:innen in der Antike weisen die Heilungserzählungen von Jesus vor allem zwei Besonderheiten auf: Erstens fällt auf, dass Jesus keine «Zaubersprüche» oder aufwändige Heilungsrituale, die das Augenmerk ja häufig auf den Heiler richten, anwendet. Vielmehr sagt Jesus immer wieder zu den Geheilten: «Dein Glaube hat dir geholfen», «dein Glaube hat dich gerettet». Glaube heisst aber zutiefst Vertrauen.

Mit den heutigen medizinischen Erkenntnissen wissen wir auch, wie viele Krankheiten psychosomatisch bedingt sind: Psychische, seelische Verletzungen, negativer Stress, traumatische Erlebnisse – zum Beispiel auf der Flucht oder im Krieg – können zu vielen Krankheiten führen.

Ich sage damit nicht, dass es nicht auch andere, vom medizinischen Standpunkt (noch) nicht erklärbare Heilungen gibt. Selber habe ich das als Spitalseelsorger bei einem Mann im Koma erlebt: Die Ärzt:innen konnten nichts mehr machen und hielten seinen Tod innert Stunden für gewiss. Mir erschien dieser Mann jedoch noch sehr nahe und lebendig. So sagte ich ihm: «Wenn Sie noch hier bei Ihrer Familie bleiben wollen, dann bleiben Sie hier – alle werden sich freuen.» Die lebenserhaltenden Maschinen wurden abgestellt und er wurde in ein Sterbezimmer gebracht. Nach drei Stunden riefen mich die Angehörigen an: «Er lebt! Er redet mit uns und lacht sogar.» Sie nannten es das «kleine Wunder von Bern».

Marco Basaiti (1470 ca. – 1530), Ausschnitt aus: Cristo morto tra due angioletti

Ein Armutsbetroffener wird ermutigt

Auch Armutsbetroffene leiden oft aufgrund ihrer Armut an Krankheiten: durch mangelhafte Ernährung, Stress und Ausgrenzung usw. So ist es nicht erstaunlich, dass der blinde Bartimäus ein Bettler ist. Wer will schon Bettler? Wer wendet sich ihnen schon wirklich zu? Die Leute wollen den blinden Bartimäus denn auch zuerst zum Schweigen bringen, als er zu Jesus um Erbarmen schreit.

Ganz anders Jesus: Er nimmt die Not wahr, er nimmt den einzelnen Menschen wahr und lässt Bartimäus zu sich rufen. Daraufhin erst ermutigen ihn die Leute: «Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.» Auch Mut ist ein Kennzeichen des Glaubens, des Vertrauens. Derart ermutigt wird der blinde Bettler fähig, aufzuspringen und auf Jesus zuzurennen. – Welche Dynamik wurde hier entfacht!

«Was willst du

Interessant ist nun auch, dass Jesus den blinden Bartimäus nicht einfach zackzack heilt – Jesus handelt nicht voreilig, nie übergriffig. Vielmehr achtet Jesus die Würde und den Willen des Menschen voll und ganz. Er fragt Bartimäus: «Was willst du, dass ich dir tue?»

«Rabbuni, ich möchte sehen können», antwortet Bartimäus. Daraufhin sagt Jesus – ohne irgendetwas weiter zu tun – zu ihm: «Geh, dein Glaube hat dich gerettet.» Und, so heisst es weiter: «Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.» Das ist die zweite Besonderheit der Heilungserzählungen Jesu.

Zur Nachfolge befreit

Jesus sagt zu Bartimäus: «Geh…» Jesus will ihn also nicht an sich binden, wie es manche Scharlatane taten und tun. Jesus will die Freiheit für jeden Menschen, er selbst wirkt ja im Namen des Gottes der Befreiung (Exodusbuch). Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb folgt Bartimäus, ebenso wie viele andere Geheilte, Jesus nach. Er tut dies offensichtlich aus freiem Willen. Ein Armutsbetroffener, der dasitzen und betteln musste, steht auf und geht den Weg, den er gehen will. Das gehört immer ganz entscheidend zum Glauben: die Freiheit, der eigene Wille.

Heutige Fragen, heutig Einwände

Ich kenne, wie einleitend gesagt, Menschen, die Mühe mit den biblischen Heilungserzählungen haben. Vor allem, weil es sehr viele Menschen gibt, deren Krankheit eben nicht geheilt wird, trotz der heutigen medizinischen und psychiatrischen Möglichkeiten und auch trotz allem Glauben und Beten.

Als Spitalseelsorger erfuhr ich dies tagtäglich. Eine Frau fragte mich einmal am Bett ihres schwerkranken Mannes: «Warum schickte Gott gerade ihm diese Krankheit, er ist doch so ein guter Mensch.» Und ich versuchte im langen Gespräch dazulegen: Nach meiner Überzeugung schickt Gott nie Krankheiten oder anderes Leid. Der ganze christliche Glaube ist doch getragen von der Überzeugung, dass Gott Liebe ist (1. Johannesbrief 4,16) und dass Gott das Leben, das Wohlergehen aller Menschen und der ganzen Schöpfung will.

Gott lässt kein Unheil zu

Auch und gerade, wenn wir an den Gott der Liebe glauben, fragten mich andere Menschen: «Aber warum lässt Gott denn all das Unheil zu?» Persönlich bin ich in meinem Glauben zur Überzeugung gekommen, dass Gott kein Unheil zulässt. Das moderne naturwissenschaftliche Wissen steht dieser Vorstellung entgegen: Im Alten Orient und der Antike verehrten die Menschen für fast alle Naturbereiche und Naturereignisse unterschiedliche Gottheiten. In jedem Blitz und Donner, im Regen und in der Dürre, in Erdbeben und in der fruchtbaren Ernte konnte mehr oder weniger direkt das Wirken einer Gottheit angenommen werden. Auch Sonne, Mond und Sterne selbst wurden als Gottheiten verehrt. Der sich entwickelnde biblische Glaube an nur einen einzigen Gott, war in der damaligen Zeit ziemlich fortschrittlich, «aufgeklärt». Zwar gab es auch schon in alter Zeit Stimmen, die die Gottheiten usw. infrage stellten, aber das waren nur vereinzelte Stimmen.

Veränderte Vorstellung von Welt – veränderte Vorstellung von Gott

Mit den naturwissenschaftlichen Entdeckungen der vergangenen Jahrhunderte hat sich unsere Vorstellung von der Welt jedoch grundlegend verändert: Wir wissen heute vieles über «unser» Sonnensystem und auch, dass das nächstgelegene andere Sonnensystem, die Andromeda-Galaxie, rund 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt ist. Und wir wissen, dass sich der Mensch über Hunderttausende von Jahren evolutionär entwickelte.2

Aufgrund dieses Wissens können wir heute meiner Überzeugung nach nicht mehr von einem direktem Einwirken Gottes von ausserhalb des Universums her auf einen Unfall, eine Krankheit, eine Naturkatastrophe usw. ausgehen. Der Glaube heute ist anspruchsvoller geworden. Es braucht heute nicht weniger Glaube, sondern mehr. Wir stehen vor der Herausforderung, viel grösser von Gott zu denken – «das Geheimnis des Lebens», «Ursprung und Ziel allen Lebens» – und gleichzeitig ganz nah von Gott zu denken – «Gott in allen Dingen», «Gottes Geist in allem Leben». Die Vorstellung, Gott lasse hier auf Erden in direkter Weise etwas zu – einen Unfall, eine Krankheit usw. – kann aufgrund der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht mehr überzeugen.

Die weiterführende Frage heisst: Wo ist Gott?

Von daher sind wir einerseits aufgerufen, grösser und zugleich näher von Gott zu denken, Gott grösser und näher zu glauben. Und andererseits sind wir herausgefordert zu überlegen, wie wir angesichts von Leid und Unheil heute nach Gott fragen können. Eine – übrigens bereits in biblischer Zeit sehr oft gestellte – Frage, die meiner Überzeugung nach weiterführt, lautet: Wo ist Gott in all dem Leid? So, wie ich die biblischen Schriften insgesamt verstehe, ist Gott einerseits mitten im Leben, im gelingenden, frohen, glücklichen Leben. Und andererseits ist Gott gerade bei dem Menschen, dessen Leben zerbricht, bei dem Menschen, der leidet. Gott ist mitten im Leben und solidarisch ganz beim Menschen im Leid.

Das ist ja auch die Erfahrung, die Jesus selbst machte: Er erlebte die Fülle Gottes in sich und er erlebte am Kreuz die (scheinbare) Gottverlassenheit. Sein letzter Schrei gemäss dem Markusevangelium war: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» (Markusevangelium 15,34; vgl. Psalm 22,2). Die Jünger:innen, die das erlebten, mussten zutiefst geschockt gewesen sein. Er, auf den sie all ihre Hoffnungen gesetzt hatten, stirbt gottverlassen den schmählichen Tod am Kreuz.

Doch nach und nach – und das ist ein Wunder des christlichen Glaubens – entstand der Glaube der Jünger:innen, dass Gott Jesus ganz und gar nicht verlassen hatte: Gerade in dem Schrei der Gottverlassenheit am Kreuz, ist Gott zutiefst bei Jesus. Gott liess Jesus am Kreuz nicht im Stich, schaute nicht irgendwie von aussen zu, sondern war ganz und gar bei ihm. So verstanden ist das Kreuz das Symbol der Treue Gottes zu seinem Sohn Jesus – und zu allen Menschen, die leiden.

Und schliesslich kamen die Jünger:innen zur Überzeugung, dass Gott Jesus nicht im Tod beliess, sondern am dritten Tag auferweckte zum neuen, ewigen Leben bei Gott.

Dies ist zutiefst christliche Hoffnung: Dass Gott ganz und gar solidarisch ist mit dem Menschen in Not und Leid – und dass Gottes Schöpfungskraft und Liebe stärker sind als alle Krankheiten, als alles Leiden, ja stärker als der Tod.

  1. Vgl. unter anderem Hanna Roose: Krankheit und Heilung (NT), auf: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/46881/ (abgerufen 26.09.2021).
  2. Dies gilt, obwohl auch in der Kosmologie manches hypothetisch ist und immer bleiben wird. Für allgemeinverständliche Überblicke vgl. beispielsweise Hans-Joachim Blome / Harald Zaun: Der Urknall. Anfang und Zukunft des Universums (C.H. Beck Wissen 2337), München 3. Aufl. 2015; und Winfried Henke / Hartmut Rothe: Menschwerdung (Fischer Kompakt 15554), Frankfurt a. M. 2003.

     

    Titelbild: Atelier van Lieshout, Renegade, Ca’ d’Oro Venedig 2019, Mixed Media / Bild1: Heilquelle Wallfahrtsort Luthern Bad, Luzern. Foto: Martin Dominik Zemp / Bild 2: Marco Basaiti, Öl auf Holz um 1470, Cristo morto tra due angioletti. Gallerie dell’Accademia, Venedig. / Bilder 3 und 4: Mário Macilau (Mosambik): Growing on Darkness (2012–2015), Kunstbiennale Venedig, Pavillon Santa Sede (Vatikan) 2015. «Im Prinzip … Das Wort ist Fleisch geworden.» / Bild 5: pontchen, photocase.de

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