Geist und Geistlichkeit

Das Pfingstfest wird als die Geburtsstunde der Kirche gefeiert. Die biblische Überlieferung schildert, wie der Heilige Geist Jesu Jünger:innen an Pfingsten wieder belebt und zu kreativem, mutigem Zeugnis inspiriert hat. Wie lässt sich jenes belebende, unabsehbare Geistwirken mit den als fest und fix wahrgenommenen Strukturen der Kirche zusammenbringen?

Nach Tod, Auferweckung und Himmelfahrt Jesu waren seine Anhänger:innen plötzlich auf sich allein gestellt. Es galt, sich neu zu organisieren und für das gemeinsam Erlebte geeignete Deutungen zu finden: War die Geschichte mit Jesus nun aus und vorbei? Oder konnte sie trotz schrecklichem Ende seines irdischen Daseins als Heilsgeschichte weitererzählt werden? Die entscheidende Wendung vom zweifelnden Abwägen hin zum überzeugenden Zeugnis wird in der Apostelgeschichte mit dem Pfingstereignis in Verbindung gebracht. Zur Zeit des jüdischen Pfingstfests Schawuot erlebten die im Gedenken Jesu versammelten Männer und Frauen etwas, das sie überwältigte und «aktivierte». Daraufhin konnten sie gar nicht anders, als nach draussen zu gehen und ihrer Freude und Hoffnung Ausdruck zu verleihen. Die Gewissheit, dass Jesus lebt und seine frohe Botschaft auch weiterhin befreiendes Potential hat, drängte darauf, weitererzählt zu werden. Das, was die Menschen da ergriffen hat, ist selbst schwer zu (be)greifen. Umschrieben wird das Geschehen als ein Brausen, als ein heftiger Sturm, als niederkommende Feuerszungen (vgl. Apostelgeschichte 2,2-3). Damit wird angezeigt, dass hier Göttliches im Spiel ist. Für die Jünger:innen Jesu war klar, dass in diesem Moment in Erfüllung geht, was Jesus einst versprochen hatte: Er werde ihnen nach seinem Weggang einen Beistand senden, der sie trösten, lehren und an Jesus erinnern wird (vgl. Johannesevangelium 14,26).

Belebende Kraft

So deutlich die Jünger:innen spürten, dass in ihrer Pfingstversammlung «etwas» ist, so wenig liess sich dieses Etwas selbst hören oder sehen. Denn der Geist kann nicht wahrgenommen werden, doch was er bewirkt, hinterlässt Spuren und wird so spürbar. Im Alten Testament steht für Gottes Kraft das Wort «ruach». Dieses hebräische Wort ist weiblich und lässt sich übersetzen mit «Atem» oder «Wind». Gott haucht seiner Schöpfung mit der «ruach» das Leben ein. So ist Gottes Geist aufs Engste mit dem Geschenk des Lebens verbunden. Während in der Übersetzung «Atem» dieser Bezug zum Leben deutlich wird, ist er im deutschen Wort «Geist» nicht mehr direkt fassbar. Wenn im Deutschen von «Geist» die Rede ist, wird darin oft das Pendant zum Körper gesehen. Diese Zweiteilung von Körper und sinnlichem Erleben auf der einen Seite und von Geist und denkerischen Vollzügen auf der anderen Seite kennt die Bibel nicht. Für sie ist die «ruach» bzw. im griechischen Neuen Testament das «pneuma» dynamische Lebenskraft.

Vielfalt von Fähigkeiten

In den von Paulus gegründeten Gemeinden war das Bewusstsein für die belebende Kraft des Heiligen Geistes gross: Schon mit der Taufe empfangen die Gläubigen den Geist Gottes, der in ihnen verschiedenste Talente und Charismen («Gnadengaben») weckt, die zum Wohle aller eingesetzt werden. Eine Hierarchie von Geistesgaben gibt es nicht in dem Sinne, dass gewisse Gaben wichtiger und wertvoller sind als andere. So wie die Geistesgaben allesamt gleichermassen Geschenk des Heiligen Geistes sind, so sind auch alle Gemeindemitglieder als voll- und gleichwertig anzusehen.

Die Erfahrung des Geistes konnte in den Gemeinden allerdings auch zu Spannungen führen. In der Gemeinde von Korinth etwa wurde eine bestimmte Geistesgabe – die sogenannte Zungenrede, das Beten in unverständlicher Sprache – ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Neben dieser Geistesgabe drohten andere zu verblassen. Im Gottesdienst führte dies dazu, dass einige Gemeindemitglieder in ekstatische Zustände gerieten, während andere nicht mitmachen konnten und vom ganzen Geschehen auch nichts verstanden. Diese Gemeindemitglieder wurden so zum blossen Zuschauen und Zuhören degradiert und von einer aktiven Teilnahme am Gottesdienst ausgeschlossen. Es schien, dass gewisse Gemeindemitglieder vom Geist erfüllt wurden, andere nicht. Diese faktische Zweiteilung der Gemeinde führte zu Spannungen, welche eine Spaltung befürchten liessen. In dieser Situation betonte Paulus die Gleichheit und Gleichwürdigkeit aller Mitglieder der Gemeinde (vgl. 1. Korintherbrief 12-14).

People of different ages and nationalities having fun together

Geist in Strukturen

Mit der Zeit änderte sich diese Sicht auf die Gaben und Charismen des Geistes.1 Die christlichen Gemeinden wurden zu grösseren Gebilden, welche auch von aussen wahrgenommen wurden. Die Art und Weise, wie solche Gemeinden strukturiert wurden, orientierte sich am Modell des antiken Hauses: Einer (Haus-)Gemeinschaft steht jemand – in der Regel ein Mann – vor. Die Fähigkeit zu leiten wurde zum zentralen Charisma. Alle andere Charismen rückten demgegenüber in den Hintergrund. Fortan wurde das Leitungscharisma durch Handauflegung auf den Amtsträger (den Vorsteher der Gemeinde, griechisch den «Episkopos») übertragen. Die Vielfalt an Charismen wurde als Phänomen der Gründungszeit von Kirche(n) gesehen und häufig nur noch bei Personen aus Ordensgemeinschaften angenommen. Wer sich hingegen als «normaler» Mensch auf Gaben des Geistes berief, wurde nicht selten als «Schwärmer:in» abgetan und ausgeschlossen. Denn solche geistbewegten Menschen stellten zuweilen eine Bedrohung der hierarchischen Ordnung der Kirche dar. Bis heute ist mit kirchlichen Strukturen die Versuchung gegeben, den Geist zu «zivilisieren» und sein Wirken zu kanalisieren. Das geschieht etwa, indem der Geist quasi automatisch in Anspruch genommen wird als Legitimation für alles, was in der Kirche und durch ihre Vertreter:innen geschieht. Als unverfügbare Kraft steht Gottes Geist jedoch stets in Spannung zu einer Institution, die sich durch Formen und Traditionen auszeichnet und darin (im besten Sinne) eine gewisse Zuverlässigkeit ihrer selbst gewährleisten kann.

Unterscheidung der Geister

Natürlich sind auch kirchliche Entscheide und Entwicklungen in der Regel mit Berufung auf den Heiligen Geist erfolgt. Weil dieser Geist sich jedoch immer in der Schöpfung und damit auch in menschlicher Wirklichkeit manifestiert, lassen sich menschliches Tun und göttliches Wirken letztlich nicht voneinander trennen. Man kann kaum sagen: Hier wirkt Gott, da handelt der Mensch. Seit es die Kirche gibt, besteht die Herausforderung gleichwohl darin, die «Geister» zu unterscheiden. Es gilt herauszufinden, wo im menschlichen Tun und Lassen Gottes guter Geist am Werk ist, und wo noch andere Kräfte und Mechanismen im Spiel sind. Eine solche Unterscheidung ist nicht bloss Aufgabe kirchlicher Leitungspersonen. Jede:r Getaufte darf und soll sich auf einen solche Vorgänge einlassen. Denn es ist wiederum der göttliche Geist selbst, der im Unterscheiden und Entscheiden unterstützende Hilfe leistet.

Erfahrung des Geistes

Paulus sieht in der Taufe die Quelle der Geistesgabe. Der Theologe Karl Rahner2 geht noch einen Schritt weiter und verbindet die Geisterfahrung mit dem Menschsein schlechthin: Jeder Mensch ist als Geschöpf Gottes ausgerichtet auf Gott als den geheimnisvollen Grund seiner Existenz. Wo das Leben in seiner Unverfügbarkeit angenommen und gelebt wird, da spricht Rahner von einer Erfahrung des Heiligen Geistes. Nicht nur mystisch Begabte oder einzelne Auserwählte machen demnach Geisterfahrungen. Dieser Demokratisierung von «Geistlichkeit» entspricht Rahner der Ort solcher Erfahrung: Nicht auf die stille Meditationsstunde oder die andächtige Gebetszeit beschränkt sich das Geistwirken. Der Wirkort des Geistes ist im mitten im Alltag, und Geisterfahrungen finden im ganz Alltäglichen statt: Wo eine:r mit beiden Beinen im Leben steht; wo eine:r sich engagiert, auch wenn die Perspektiven nicht hoffen lassen; wo eine:r sich im Kleinen vom Leben überraschen lässt und Neues wagt; wo eine:r auf andere zugeht und das Miteinander wagt; wo eine:r Formen sucht und findet, dem eigenen Glauben Ausdruck zu geben – da ist Gottes Geist belebend am Wirken.

Geistliche in der Kirche

Was lässt sich nun im Hinblick auf das pfingstliche Geburtstagskind, die Kirche, sagen? Vielleicht fürs Erste so viel: Eine Zweiteilung der Menschen in sogenannte «Geistliche» auf der einen und Lai:innen auf der andern Seite verkennt die Wirklichkeit des göttlichen Geistes. In den von Paulus gegründeten Gemeinden war das Bewusstsein (und die entsprechende Praxis) vorhanden: Wer getauft ist, hat den Geist empfangen und wird demzufolge zu einem/einer «Geistlichen». Wo alle ihre Fähigkeiten und Charismen einbringen (können), wird Kirche sich entfalten und mit der Zeit, mit den Menschen gehen. Die Einsicht, dass Gottes Geist unverfügbar ist und seine Gaben Geschenk bleiben, bewahrt davor, den Geist für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu vereinnahmen. Denn wo und wie der Heilige Geist ganz konkret wirkt (und wo und wie nicht), bleibt kontrovers. Der Diskurs darüber kann für eine kirchliche Gemeinschaft wegweisend werden – und sie lebendig halten.

  1. Vgl. Stefan Schreiber, Wie die Geistesgaben Gemeinde begründen- und wie sie sich zum Amt verhalten: Die Entdeckung der Charismen bei Paulus, auf: https://www.herder.de/afs/hefte/archiv/2019/5-2019/die-entdeckung-der-charismen-bei-paulus-wie-die-geistesgaben-gemeinde-begruenden-und-wie-sie-sich-zum-amt-verhalten/ (23.05.22)
  2. Vgl. Karl Rahner, Erfahrung des Geistes. Meditationen auf Pfingsten, Freiburg i. Br. 1977, 24-45.

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Kommentare

Ein Kommentar zu “Geist und Geistlichkeit

  1. 20.06.22

    Ruth Brogini

    Liebe Frau Senn
    Liebe Frau Bieberstein.
    Liebe Frau Büchel – Sladkovic
    Lieber Herr Flury,
    Glaubenssache online ist für mich sehr inspirierend und kostbar. Ich möchte Ihre Beiträge nicht mehr missen und freue mich auf jeden weiteren.
    Herzlichen Dank!

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