Unterwegs verloren gegangen – Eine Geschichte von Schuld und Versöhnung

Vor einigen Wochen habe ich mit meinen beiden Söhnen «Vier Fäuste für ein Halleluja», den Westernkomödienklassiker aus dem Jahr 1971 mit Bud Spencer und Terrence Hill in den Hauptrollen, angesehen. Eine Szene ist dabei besonders eindrücklich: Bud Spencer gerät als Gewohnheitsganove «Bambi» zufällig in einen Beichtstuhl und weiss gar nicht, was die Aufgabe dieses seltsamen Holzkastens ist.

Als er endlich anfängt, seine «Sünden» zu beichten – Pferdediebstähle, Raufereien, usw. – blendet die Kamera auf das Gesicht des Priesters. Köstlich ist an seinem Mienenspiel zu sehen, wie dieser gar nicht glauben kann, was er hört. Als er schliesslich «Bambi» von seinen Sünden lossprechen will, glaubt dieser einen Angriffsversuch des Priesters zu erkennen und schlägt den Beichtstuhl zu Kleinholz. Eine Szene mit grossartig anarchischem Humor – die aber meine Söhne gar nicht mehr wirklich verstanden haben. Denn der Beichtstuhl, über Jahrhunderte das Sinnbild von menschlichen Erlösungshoffnungen und zugleich der kirchlichen Macht wie des Machtmissbrauchs über die Lebensführung der Christ:innen, hat seine Symbolkraft und seine Aufgabe verloren. Wo er noch in Kirchen anzutreffen ist, gehört er zum ungenutzten Inventar. Dass «Bambi» den Beichtstuhl zerstört, deutet diesen Vorgang auf geniale Weise aus: Der Anspruch der Kirche zur Vergebung von Sünde und Schuld ist heute unverständlich und ruft keine Resonanz mehr hervor. Die Verbindung zu einem zentralen Bestandteil der Botschaft Jesu, ja sogar ihrer Motivation, ist damit weitgehend verloren gegangen. Wo aber beginnt sie?

Kehrt um!

«Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!» (Markusevangelium 1,15). Ein Satz wie ein Donnerschlag, eine Verheissung, eine Aufforderung. Mit ihm beginnt Jesus im Evangelium nach Markus sein öffentliches Auftreten. Keine Kindheitsgeschichte mit Hirten, Engeln und Krippe führt bei Markus in die Jesus-Story ein – es geht direkt und voll zur Sache. Jesus zu folgen bedeutet, sich auf einen radikalen Weg der Umkehr zu begeben. Nicht morgen, sondern jetzt, sofort. Was aber bedeutet diese «Umkehr»? In unseren Ohren ist das ein ziemlich sperriges Wort. Wir hören es am ehesten von unserem Navigationssystem, wenn wir mit unserem Auto eine Ausfahrt verpasst haben: «Bitte kehren Sie an der nächsten möglichen Stelle um!». In einem ähnlichen Sinn ist dies auch im Evangelium gemeint. Jesus hält mit seiner Botschaft dazu an, das innere Navigationssystem neu auszurichten und sich für den einen, den richtigen Weg zu entscheiden. Einen Weg, wie er in der Bergpredigt skizziert ist. Die Taufe eröffnet diesen Weg und führt in der Nachfolge Jesu zum Reich Gottes und zum himmlischen Festmahl. Wenn das aber nur so einfach wäre!

Die Bibel selbst, alle Werke der Weltliteratur, die Kunst, und nicht zuletzt unsere eigene Erfahrung lehren uns doch, dass es mit dieser Umkehr auf den «richtigen» Weg eben nicht so einfach ist. Selbst bei besten persönlichen Vorsätzen wissen wir nur allzu gut, dass wir keine Heiligen sind und oft genug an uns selbst scheitern. Liebesbeziehungen zerbrechen an Herzenskälte, Freundschaften werden wegen Gier und Neid aufgekündigt, Arbeitsverhältnisse wegen des Konkurrenzdenkens, üble Nachrede und Mobbing sind Begleiter im Alltag. In der Logik des Glaubens entsteht damit eine Schuld gegenüber Gott, die theologisch als «Sünde» bezeichnet wird. Dieser sperrige Begriff verweist auf die dauerhafte Spannung zwischen dem, wie der Mensch in Gottes Schöpfung eigentlich handeln könnte und dem, was er tatsächlich macht. Paulus bringt dies in seinem Römerbrief wunderbar auf den Punkt: «Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.» (Römerbrief 7,19)

Jesus ruft aber nicht nur Umkehr auf, er tritt sogar selbst mit dem Anspruch auf, Sünden vergeben zu können. Für die theologisch geschulten Ohren seiner Zeit ein totaler Affront. Diese Fähigkeit kommt doch nach allgemeinem Verständnis nur Gott zu! Für die Jesus Nachfolgenden zeigt sich aber – beispielhaft in der Erzählung der Heilung eines Gelähmten (Markusevangelium 2,1-12) –, dass Jesus tatsächlich in göttlicher Vollmacht handelt und durch die Vergebung von Sünden ein Leben wieder heil werden lassen kann. Im Spiegel des Evangeliums nach Johannes wird die Fähigkeit zur Sündenvergebung schliesslich nicht einmal auf Jesus beschränkt. Auch seine Jünger:innen werden ausgesandt, um Sünden zu erlassen (Johannesevangelium 20,22f.). Vielleicht spiegelt sich darin eine Praxis, die Johannes aus seiner eigenen Gemeinde kennt? Wichtig ist jedenfalls, dass das Christentum von Beginn an um die Fragen menschlicher Schuld und ihre Vergebung durch Jesus kreist und offensichtlich auch in den Gemeinden die Fragen nach Sündhaftigkeit und der Chance auf das Himmelreich sehr wichtig sind.

Umkehr ganz praktisch?

So versucht auch Paulus in den Briefen an die von ihm betreuten Gemeinden zu ergründen, wie sich Umkehr, Taufe und die Hoffnung auf das ewige Gastmahl im Reich Gottes eigentlich zueinander verhalten. Seine Gemeinden stellen ihm dabei keine hochgestochenen theologischen, sondern zutiefst menschliche Fragen: Was passiert eigentlich, wenn man nach der Taufe Schuld auf sich lädt? Hat man dadurch die Hoffnung auf das ewige Leben verspielt? Welche Möglichkeiten gibt es, wieder in den Stand der Heiligkeit zu gelangen? Paulus kommt zu ganz praktischen Lösungen: Junge Leute sollten heiraten, damit nicht ihre Triebe die Oberhand gewinnen. Witwen dagegen sollten sich eher dem Gebet und der Unterstützung der Gemeinde widmen. Für Paulus lagen diese einfachen Tipps auf der Hand, denn er war noch fest davon überzeugt, dass der Messias jederzeit wiederkommen konnte – wenn nicht heute, dann spätestens morgen.

Weniger praktisch waren diese Anweisungen aber, als diese Wiederkunft vorerst ausblieb und sich die Christ:innen auf der Erde dauerhaft einrichten mussten. Nun wurde die Spannung zwischen der Einmaligkeit der Sündenvergebung in der Taufe und der Häufigkeit der menschlichen Schuldlust zum echten Problem. Im Rigorismus der Anfangszeit führte eine Sünde nach der Taufe zum unmittelbaren Ausschluss aus der Gemeinschaft mit Gott und der Gemeinde – der Begriff dafür lautet «Exkommunikation». Diese strenge Vorgehensweise liess sich aber aus zwei Gründen nicht lange durchhalten: Die Gemeinden wurden immer grösser und mit der Exkommunikation ging somit die reale Gefahr eines vollständigen «sozialen Todes» einher. Die Möglichkeit einer wiederholbaren Sündenvergebung nach der Taufe schien damit schon aus rein pastoralen Gründen eine Notwendigkeit zu sein. In den immer wieder aufbrandenden Christenverfolgungen sagten sich ausserdem auch ganz brave Christ:innen von ihrem Glauben los – sollte ihnen tatsächlich die Rückkehr zu ihren Gemeinden verwehrt bleiben?

Von der «grossen Busse» zum «Sakrament der Versöhnung»

Langsam entwickelte sich deshalb so etwas wie eine Busspraxis der «zweiten Chance» – die uns heute aber sehr fremd vorkommt. Schwere Sünden wie Ehebruch, Mord oder die Verleugnung des Glaubens mussten nun vor der gesamten Gemeinde ausgesprochen werden und hatten einen Ausschluss von der Eucharistie wie vom Gemeindeleben für eine lange Zeit zur Folge. Die Logik dahinter: Die Tat des Einzelnen färbt auf die ganze Gemeinschaft ab – und deshalb ist auch die Busse eine öffentliche Angelegenheit. Weil aber diese «grosse Busse» nur einmal in einem Leben begangen werden kann, wandert sie aus lebenspraktischen Gründen immer weiter an das Lebensende.

Mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches und der Neumissionierung Europas durch irische Mönche setzte sich später die private Beichte oder «Ohrenbeichte» durch, die nicht nur einmal, sondern beliebig oft abgenommen werden konnte. Mit dieser verbinden viele Menschen bis heute demütigende Erfahrungen und tiefe Ängste. Nicht von ungefähr: Die Beichte war über Jahrhunderte ein Machtinstrument, mit dem den Christ:innen von den «Seelsorgern» im Halbdunkel der Beichtstühle auf den Zahn gefühlt wurde. Mit der Hilfe peinlich genauer moraltheologischer Handbücher wurden alle nur möglichen und unmöglichen Sünden abgefragt. Allerdings hat dieses eher dunkle Kapitel auch positive Ergebnisse in Gang gesetzt. Erst zuletzt wurde in der sozialethischen Forschung erkannt, welch grossen Anteil die katholische Beichtpraxis bei der Entwicklung heutiger Individualitätsformen gespielt hat. Denn mit der Gewissenserforschung vor einer Beichte ist unmittelbar das Befragen und Überprüfen der eigenen Handlungen verbunden. Die Christ:innen lernten in diesem Vorgang, dass niemand anderes als sie selbst für ihre Handlungen verantwortlich waren.

Dass das «Sakrament der Versöhnung», wie es heute heisst, trotz aller Revitalisierungsversuche zu den kaum noch nachgefragten Sakramenten gehört, erstaunt im Rückblick auf diese Geschichte nicht. Dennoch wäre seine Wiederentdeckung in Zeiten von Selbstoptimierung und Perfektionismus eine lebensdienliche Sache. Wie kein anderes Sakrament der Kirche wendet sich dieses an uns in unserem Mensch-sein mit allen Stärken und Schwächen. Es weiss um unsere Abgründe und baut zugleich darauf, dass wir zur Umkehr bereit sind. Es baut darauf, dass wir es besser machen können, wenn wir nur wollen.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Lippenbekenntnis, Beichte, Schuld. Foto: C_photocase, olgagrivtsova / Bild 1: Beichtstuhl. Unsplash@grantwhitty / Bild 2: Hochzeit vor dem Kolosseum in Rom. Unsplash@@mariasagg / Bild 3: Treppenstufen: Missbrauch, Leiden, Verfolgung, Wahn, Tränen, Terror. Unsplash@schwarzeweissheitenfotografie.

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