Ende Macht – Anfang Liebe?

Macht: Eine kurze Einführung

Wer ist mächtiger – ein Diktator oder eine Philosophin? Der Diktator hat die Macht an sich gerissen und übt sie nun nach eigenem Gutdünken brutal aus. Er unterjocht die Bürger:innen, die in steter Furcht vor seinen Häschern leben. Ohne Zweifel: Der Diktator hat grosse Macht. Aber im Geheimen werden die Schriften der Philosophin gelesen, in denen von einem Leben in Freiheit geträumt wird, von den Rechten und der Gleichheit aller Menschen. Diese Ideen treiben die Menschen zur Revolution, der Diktator flüchtet ins Exil. Wer also ist mächtiger – ein Diktator oder eine Philosophin?

Macht drückt sich auf sehr unterschiedliche Weisen aus – und je nach Perspektive werden von ihr auch sehr unterschiedliche Lebensbereiche berührt. Offensichtlich hat Macht aber immer damit zu tun, dass eine Wirkung von einer Person, einer Organisation oder einer Vorstellung ausgeht, auf etwas anderes einwirkt und eine Reaktion auslöst. In der Wendung «Macht haben» drückt sich genau dieser Sachverhalt aus: Etwas hat die Fähigkeit, bei etwas anderem etwas zu bewirken. Machtlosigkeit ist hingegen gleichbedeutend mit Wirkungslosigkeit.

Treten wir einen Schritt zurück und werfen wir einen Blick auf alle Beziehungen, in denen wir stehen: Mit Schrecken müssen wird erkennen, dass unsere ganze soziale Welt – Freunde, Familie, Berufsleben, Freizeit – von Machtverhältnissen durchzogen ist. In unseren Ohren klingt dies zunächst sehr schlimm. «Macht» gehört zu den Dingen, die wir nur äusserst ungern thematisieren. Warum Macht tabuisiert ist: dazu später mehr. Wie aber kommt man überhaupt zu dem Befund, dass unsere soziale Welt auf unterschiedlichen Machtverhältnissen beruht? Nun, das hängt mit der Art und Weise unseres menschlichen Daseins zusammen.

Jeder einzelne Mensch ist dazu gezwungen, seine Ziele – und dazu gehört primär auch die Lebenserhaltung – im Konzert der Ziele vieler anderer Menschen zu verwirklichen. Alternativlos übt man Macht auf andere aus – und sei es nur, indem man sich durch Bargeld bemächtigt, ein Gipfeli zu kaufen. Der Angestellte im Bäckerladen «reagiert» auf meine Geld-Macht, indem er mir das Gebäck mit freundlicher Miene überreicht. Wenn er dies nicht täte, würde er die Kündigungs-«Macht» seiner Arbeitgeberin spüren. «Macht» ist überall und geht auch schon von den Kleinsten aus – das wissen alle Eltern, deren Nachwuchs schreiend vor dem Süssigkeitenregal zusammenbricht, wenn sie das erhoffte Guetzli nicht erhalten. Selbst das Verhältnis zu engen Freund:innen ist nicht frei von Machtbeziehungen, denn auch von unausgesprochenen Erwartungen, Rivalitäten usw. sind alle menschlichen Beziehungen geprägt. Jeder Mensch befindet sich in einem äusserst engmaschigen Netz von Machtverhältnissen und trägt selbst dazu bei, dass es straff geknüpft bleibt.

Macht ist niemals ausbalanciert

Das beschriebene Netz aus Machtwirkungen und Machtreaktionen ist leider niemals perfekt in Balance, sondern erfahrungsgemäss sind einzelne Personen oder Organisationen mit zu viel, andere mit zu wenig Gestaltungsmacht ausgestattet. In modernen Demokratien existiert deshalb ein äusserst komplexes System aus «checks and balances» (Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Judikative und Legislative, Gerichte mit unterschiedlichen Kompetenzen…), um die Machtverteilung im Netz nicht «unfair» werden zu lassen.

Wie aber war das früher? Schauen wir in die Vergangenheit, landen wir bei den Religionen und ihren Vertreter:innen, die häufig auch für die Eingrenzung menschlicher Macht zuständig waren. Namentlich die Bibel hat bekanntlich eine äusserst machtkritische Tendenz; ja sie kann geradezu als lange Auseinandersetzung mit dem menschlichen Streben nach Macht über andere gelesen werden. Von dieser Perspektive der Bibel werden bereits die beiden Schöpfungserzählungen im Buch Genesis grundiert. Plakativ halten sie fest, dass Gott durch seine Schöpfungsfähigkeit der einzige wirkliche Mächtige ist – und der Mensch immer schon von ihm abhängig ist. Im weiteren Erzählverlauf berichtet die Bibel davon, dass unterschiedliche Formen menschlicher «Selbstermächtigungen» durch Gott streng geahndet werden; Mord (die Erzählung von Kain und Abel), Selbstvergöttlichung (Turmbau zu Babel) und später auch die Missetaten der Könige Israels – sie werden immer auch symbolisch als Perversionen der Macht geschildert, die der Gott Israels für sein Volk, ja für Menschen generell, nicht duldet.

Darstellung des Turmbau zu Babel aus der Wittenberg Bibel von Martin Luther von 1586.

Dabei bleibt auch das religiöse «Personal» von der Kritik ihres Machtmissbrauchs nicht verschont. Wenn Propheten wie Amos gegen Priester(-familien) und ihre Interpretation von «guter» Amtsführung zürnen, dann wird in ihrer Kritik deutlich, welche Form von Macht überhaupt nur göttlichen Segen erwarten darf: Eine Macht, die sich für die Armen und die Entrechteten, die Stimm- und Rechtlosen einsetzt. Dieser prophetische Zwischenruf mündet schliesslich in der Botschaft Jesu, der Machtverzicht zum VIP-Ticket für das Himmelreich erklärt und die Liebe als das grösste Geschenk bezeichnet, das sich Menschen gegenseitig machen können. In der Ultrakurzfassung im Evangelium nach Markus wird diese Botschaft für Christ:innen dringlich zugespitzt: «Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!» (Markusevangelium 1,15). Ende Macht – Anfang Liebe?

Macht: Ist Liebe die Antwort?

Jetzt sind wir an einem spannenden Punkt angelangt. Genügt es, einfach auf die Liebe als «Heilmittel» gegen Machtmissbrauch zu setzen? Ernüchtert müssen wir erkennen, dass in unserer Welt auch die Liebe nicht frei von Machtverhältnissen ist, die in gewisser Weise sogar vom Spiel (!) von Über- und Unterordnungen lebt. Die Liebe erfahren wird als göttlich und ideales Ziel, können sie aber hier auf Erden nie vollständig realisieren. Liebe als Antwort auf die Schattenseiten der Macht ist damit ein stumpfes Schwert – zumindest solange Menschen im Spiel sind.

Diese nüchterne Realität merken Christ:innen vielleicht nirgends so schmerzhaft wie beim Blick auf ihre eigene Kirche. Als sakramentales Liebeszeichen der Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk und der Christ:innen untereinander (laut den einschlägigen lehramtlichen Dokumente) taugt die real existierende Kirche als Zeichen der Liebe gegen Machtmissbrauch erschreckend wenig. Und offensichtlich gab es auch nie ein «goldenes Zeitalter», in dem dies jemals anders war. Anderslautende Abschnitte aus der Apostelgeschichte (Apostelgeschichte 2,44-47) tönen arg idealisierend. Realistischer lesen sich da die Briefe von Paulus an die Korinther, die bereits für diese frühe Zeit (ca. 55 n. Chr.) erstaunlich schwere Konflikte rund um Geschlechterfragen, das richtige Verhalten, die Rolle des Paulus selbst, usw. thematisieren.

Macht in der Kirche: Mut, ein Tabu zu benennen

Die Konfliktlinien rund um kirchliche Macht und ihren Missbrauch werden erst seit wenigen Jahrzehnten wieder auf breiter Ebene diskutiert. Warum war es davor anders? Das hat mit dem Phänomen zu tun, dass die Machtaspekte einer Beziehung mit einem besonders starken Tabu belegt sind, vor allem, wenn die Macht stark ungleich verteilt ist und grosse Abhängigkeiten bestehen. Dieses Tabu wird streng beachtet, denn sein Bruch brächte für beide Seiten sehr unangenehme und schmerzhafte Folgen mit sich: Die «mächtige» Seite käme unter Legitimationsdruck. Sie müsste sich folgendes fragen: Warum hat sie sich von der Macht verführen lassen und dagegen nichts unternommen? Warum hat sie so gehandelt, wenn das ihrem Selbstverständnis oder ihrer «Sendung» offensichtlich widerspricht?

Für die andere Seite wäre ein transparenter Blick auf die gegenseitige Abhängigkeit nicht weniger unangenehm, denn hier drohen narzisstische Kränkungen: Warum hat sie sich der «Macht» von Personen oder Organisationen widerspruchslos unterworfen? Warum trägt sie ein System mit, das Machtmissbrauch reproduziert und nicht bekämpft?

Weshalb aber können wir heute trotz dieses Tabus – zum Glück! – viel freier die Macht der Kirche kritisch hinterfragen also noch vor wenigen Jahrzehnten? Auch wenn es zunächst überraschend klingt, ist dies eine direkte Folge des rapiden Verlustes kirchlicher (Durchsetzungs-)Macht. Das Tabu, Machtabhängigkeiten zu thematisieren, bleibt nämlich nur so lange stabil, wie auch die Beziehung mit ihren Abhängigkeiten selbst stabil ist. Wird die Beziehung schwächer, bröckelt das Tabu schnell und die Machtverhältnisse können nun gefahrlos für das eigene Selbstverständnis ans Licht geholt werden. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass in der katholischen Kirche ihr Machtmissbrauch (vor allem gegen Frauen und Kinder, gegen Menschen mit – aus Sicht des Lehramts – falscher sexueller Orientierung, …) erst mit dem Schwinden ihres Einflusses auf alle gesellschaftlichen Bereiche zum Thema werden konnte.

Regenbogenpastoral des Bistums Basel auf der Zurich Pride 2021

Transparent gewordene Machtverhältnisse bieten für beide Beziehungsseiten aber auch wichtige Chancen: Die eine Seite muss überprüfen, wie sie sich verändern muss, damit ihre Machtpotenziale neue und positive Legitimation erfahren können. Die andere Seite muss ernsthaft für sich prüfen, unter welchen Bedingungen sie die Handlungsmacht der anderen Seite zu akzeptieren bereit ist und entsprechende Schlüsse für die Beziehung ziehen.

Ende Macht – Anfang Liebe: In unserer Welt ein frommer und unrealistischer Wunsch. Zu wünschen ist aber ein aufgeklärter und transparenter Umgang mit den Mächten, von denen unser Dasein beherrscht ist. Nur so lässt sich die Gefahr von Machtmissbrauch und das Leiden an Macht vermeiden, wenn auch nie komplett ausschliessen. Das Himmelreich ist zwar bereits angebrochen, aber noch nicht volle Realität – das weiss niemand besser als wir Christ:innen.1

  1. Bildnachweise: Titelbild: Fenster mit Schriftzug „Keine Macht für Niemand“. Photocase. / Bild 1: Schachspiel: der König gewinnt, die schwarzen Figuren sind umgefallen. Unsplash@jeshoots / Bild 2: Darstellung des Turmbau zu Babel aus der Wittenberg Bibel von Martin Luther von 1586. Wikimedia Commons. / Bild 3: Eine Bibel liegt auf dem Altar. Unsplash@jacobbentzinger. / Bild 4: Die Regenbogenpastoral des Bistums Basel auf der Zurich Pride 2021. Bild: kath.ch

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