Christus war müde

«Ihnen sagen, Christus war müde» ist eine Heftnotiz von Simone Weil im Kontext der Arbeiter:innenbewegung der 40er Jahre. Eine ungewöhnliche, ja berührende Aussage. Der Satz offenbart einen ausgefallenen, sympathischen Blick auf Jesus. Seine Müdigkeit wird selten bis nie thematisiert. Sie bringt uns den Menschen Jesus näher und die Menschen näher zu ihm.

Es gibt verschiedene Arten von Müdigkeit. Da ist die Müdigkeit aufgrund von zu wenig Schlaf. Wahrscheinlich ist es diese Müdigkeit, die die Freund:innen Jesu in Getsemani überkam, als Jesus sie aufforderte, wach zu bleiben (vgl. Markusevangelium 14,32-42). Weiter gibt es die Müdigkeit, die auf Anstrengung und harte Arbeit folgt. Sie kann so tief und bitter sein, dass sie sich wie eine milchige Scheibe zwischen Mensch und Welt schiebt. Das erste Buch der Bibel erzählt, wie Esau erschöpft vom Feld kam; Jakob, sein Zwilling, nützte diese Verletzlichkeit kaltblütig aus und luchste seinem Bruder das Erstgeburtsrecht ab (vgl. Genesis 25,29-34). Zwei Kapitel weiter klagt Rebekka: «Mir ist das Leben verleidet.» (Genesis 27,46) Es wird ihr alles zu viel – Müdigkeit aus Lebensüberdruss, als Ausdruck einer depressiven Krise. Und dann ist da die zunehmende Müdigkeit und Kraftlosigkeit aufgrund von Krankheit und Alter, die beispielsweise in Kohelet und Hiob schonungslos beschrieben werden.1.

Esau kehrt von seiner Jagd zurück, Isaak segnet Jakob. 14. Jh. n. Chr.

Der Jesus der kleinen Leute

Das Diktum von Simone Weil zielt auf körperliche Müdigkeit, die mehr ist als das. Sie trägt einen Hunger und einen Durst in sich, ist begleitet von einem Verlangen nach Ansehen und Wertschätzung, einem stillen Wunsch nach dem vollen Leben.

«Keine Dichtung, die vom Volk spricht, ist glaubwürdig, wenn nicht die Müdigkeit in ihr ist, und der Hunger und der Durst, die aus der Müdigkeit kommen. Ihnen sagen: Christus war müde.»2

Vor meinen Augen taucht eine ältere Frau auf. Sie erzählte mir vor Jahren, wie sie — eingespannt in Kinderbetreuung, Haushalt und Geschäft — jeweils abends beim Geschirrspülen das Becken auf den Boden stellte und auf den Knien den Abwasch erledigte. Ob sie in Jesus einen Bruder sah? Simone Weil stellt Jesus auf die Seite der kleinen Leute. Er ist auf ihrer Seite, da er diese ihre Müdigkeit kennt.

Der müde Jesus

Als Handwerker und Häuserbauer wird Jesus körperliche Erschöpfung vertraut gewesen sein. Doch was ist mit dem Jesus der Evangelien? Wer sich in der Schrift auf die Spurensuche nach «dem müden Christus» macht, findet auf den ersten Blick wenig. Da wird erzählt von Jesus, der sich zurückzieht in die Einsamkeit der Wüste. Er lässt die Jünger:innen ein Boot bringen, damit er sich notfalls von den vielen Leuten, die sich um ihn drängen, zurückziehen könnte. Nur einmal wird explizit von Müdigkeit gesprochen: Jesus muss Judäa verlassen und macht sich auf den langen Fussmarsch nach Galiläa. Mittags kommt er in eine Stadt: «Er war müde von der langen Reise und setzte sich an den Brunnen» (Johannesevangelium 4) und bittet eine Frau um Wasser.

Die Szene am Jakobsbrunnen macht eine Verletzlichkeit sichtbar, die zu Jesus gehört. Er erscheint in den Evangelien nicht als Über-Mensch, der mit Genialität verblüfft und dem alles spielend gelingt. Es ist ein gewöhnliches Leben, ein Leben in den engen Grenzen einer kleinen Welt. Weder durch Wissen noch durch Kraft noch durch Erfahrungsweite, so der Salzburger Theologe Gottfried Bachl, hebt Jesus sich von den Menschen seiner Zeit ab.

Der Jakobsbrunnen 2013. Heute in Nablus, Westjordanland.

«Jesus war kein Kraftübermensch […], der die Verhältnisse umkrempelt und sich in jedem Fall durchsetzt. Seine Verletzlichkeit zeigte sich im abrupten Ende seines Lebens, im Geliefertsein, in der Ohnmacht gegenüber den Mächtigen.»3

Auch die Wunder, die wunderbaren Taten, die man von ihm erzählt, machen ihn nicht zum Übermenschen:

«Keine dient der Demonstration seiner Überlegenheit, kein Wunder schützt ihn vor der Versuchung, kein Wunder erspart ihm die mühselige Arbeit […und] bewahrt ihn vor der Katastrophe.»4

Ein Geben und Nehmen

Die Begegnung am Brunnen mit der samaritanischen Frau ist ein Geben und Nehmen. Der müde und durstige Jesus spricht und trinkt – und findet Ruhe. Seine Müdigkeit wird wahrgenommen und verwandelt. Dank dem aufmerksamen Zuhören und Fragen seines Gegenübers kommt Jesus zur Erkenntnis, dass «das Lebenswasser nichts Jenseitiges ist»5, dass in und durch die Menschen eine Quelle göttlichen Wassers fliesst. Die Erfahrung des Gestärktwerdens traut er auch anderen zu und will sie ihnen ermöglichen.

«Heran zu mir, ihr Mühenden und Überbürdeten: ich werde euch aufatmen lassen. Mein Joch nehmt auf euch und lernt von mir. Denn: Sanft bin ich und von Herzen niedrig, und ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben.» (Matthäusevangelium 11,28)

Jesus und die samaritanische Frau, Suzanne de Court, ca. 1600 n. Chr.

Aufatmen finden für unser Leben

Fridolin Stier findet in seiner Übersetzung6 dieser Worte aus dem Matthäusevangelium ein wunderbares Bild für die befreiende Erfahrung und Praxis: aufatmen lassen – aufatmen finden. Der ganze Mensch – Leib und Seele, Körper und Geist – will und soll Ruhe finden.7 Damit ist die Müdigkeit und die Last, die wir tragen, nicht ein für alle Mal weg. In unserer Begrenztheit aber sind solch österliche Erfahrungen möglich. Solidarisch und gemeinsam können wir der Lebensmacht Raum geben und selbst lebensfeindliche und ermüdende Strukturen verändern.

  1. Vgl. Kohelet 12 und Hiob 7,1-7. Zur literarischen Verarbeitung der Müdigkeit vgl. Peter Handke: Versuch über die Müdigkeit, Frankfurt a.M. 1989.
  2. Simone Weil: Cahiers. Aufzeichnungen. Erster Band, München u.a. 1991, S. 266.
  3. Gottfried Bachl: Gottesbeschreibung, Innsbruck/Wien 1990, S. 90.
  4. Gottfried Bachl: Gottesbeschreibung, S. 91.
  5. Elisabeth Moltmann-Wendel: Beziehung – die vergessene Dimension der Christologie. Neutestamentliche Ansatzpunkte feministischer Theologie, in: Doris Strahm / Regula Strobel: Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologie in feministisch-theologischer Sicht, Luzern 1991, S. 100-111, hier S. 104.
  6. Das Neue Testament. Übersetzt von Fridolin Stier, München 1989.
  7. Vgl. Erich Garhammer: Mit Gott im Clinch. Der Theologe und Sprachmeister Fridolin Stier als Übersetzer der Bibel, https://www.theologie-und-kirche.de/garhammer-fridolin-stier40.pdf [Zugriff 29.1.2024]

     

    Bildnachweise: Titelbild: Henri Maguin (1874-1943), Der Mittagsschlaf, Öl auf Leinwand, Kunstmuseum Bern. In der Ausstellung Matisse, Derain und ihre Freunde. Die Pariser Avantgarde 1904-1908. / Bild 1: Esau kehrt von seiner Jagd zurück, Isaak segnet Jakob. Aus der Haggada für Pessach (die „Schwester-Haggada“). 2. oder 3. Viertel des 14. Jahrhunderts. British Library. Wikimedia Commons. / Bild 2: Der Jakobsbrunnen 2013. Heute in Nablus, Westjordanland. Wikimedia Commons: Jeremiah K Garrett / Bild 3: Jesus und die samaritanische Frau. Bemalte Emaille auf Kupfer, teilweise vergoldet. Suzanne de Court, ca. 1600 n. Chr. Metropolitan Museum of Art. Wikimedia Commons.

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